Manchmal reicht ein Reel, ein paar Sekunden Vater und Sohn, und WHAM, da steht der Tote wieder mitten im Zimmer.
Ich habe gerade so ein verficktes Reel gesehen. Vater und Sohn. Nichts Großes, wahrscheinlich für andere nur ein kurzer Clip zwischen Werbung, Bullshit und dem nächsten Algorithmus-Köder. Für mich war es kein Clip. Für mich war es ein Schlagloch im Nervensystem, und ich bin mit voller Geschwindigkeit reingerauscht.
Keine Ahnung, warum es mich heute mehr erwischt hat als sonst. Ist mir auch scheißegal. Manchmal sucht man nach Gründen, weil man glaubt, der Schmerz wäre höflicher, wenn man ihn erklären kann. Aber Trauer ist nicht höflich. Sie fragt nicht, ob du gerade stabil bist, ob du Termine hast, ob du erwachsen genug bist oder ob du diesen Mist heute bitte mal nicht gebrauchen kannst.
Mein Vater ist seit Jahrzehnten nicht mehr hier, und trotzdem kann er in drei Sekunden wieder alles füllen. Nicht sein Körper, nicht seine Stimme, nicht sein Gesicht am Tisch, sondern diese Abwesenheit, die plötzlich so massiv wird, dass sie fast ein eigenes Gewicht bekommt. Da sitzt du dann als erwachsener Mann, älter, als dein Vater jemals werden durfte, und merkst: Scheiße, da ist immer noch ein Sohn in dir, der einfach nur seinen alten Mann vermisst. Nicht reflektiert. Nicht aufgeräumt. Einfach roh.
Ich bin inzwischen länger ohne ihn auf dieser Erde, als ich mit ihm leben durfte. Allein dieser Satz klingt wie etwas, das man nicht schreiben sollte, weil er zu sauber ist für etwas so Dreckiges. Irgendwann kam sogar dieser Tag, an dem ich exakt ein Jahr älter war, als er jemals werden durfte. Mein zweiter Geburtstag. Der Anfang meines Bonuslebens. Klingt fast schön, bis man merkt, dass Bonusleben auch bedeutet: Ich laufe durch Zeit, die ihm nie gegeben wurde.
Seitdem ist jeder Tag irgendwie doppelt. Einer gehört mir, klar. Aber irgendwo darunter liegt immer dieser andere Gedanke: Das hier hätte er vielleicht auch noch erleben sollen. Vielleicht hätte er auch noch über diese Welt gelacht, sie beschimpft, sich ein Bier aufgemacht und irgendeinen trockenen Spruch rausgehauen, der alles gleichzeitig kaputtmacht und rettet. Genau das fehlt mir manchmal am meisten. Nicht die große Weisheit, sondern dieser gemeinsame Sarkasmus gegen das Leben.
Ich würde so gern mit ihm ein Bier trinken. Kein heiliges Vater-Sohn-Ritual mit Geigenmusik und feuchtem Blick in den Sonnenuntergang. Einfach ein Bier. Ein Sarkasmus-Bier. Zwei Männer am Tisch, die nicht so tun, als hätten sie die Existenz verstanden, sondern sich gemeinsam darüber lustig machen, dass dieses ganze Ding hier offenbar ohne Qualitätskontrolle produziert wurde.
Und dann kommen die spirituell weichgespülten Optimierungsleute und erzählen dir, jeder Trigger müsse gelöst werden. Jeder Schmerz müsse transformiert, jede Wunde geheilt, jede Reaktion bereinigt werden. Als wäre der Mensch ein kaputter Staubsauger mit Kindheitsthema. Als müsste Liebe irgendwann neutral sein, damit irgendein Coach mit ernstem Gesicht sagen kann: „Da ist noch etwas in dir, das gesehen werden will.“ Nein, Sherlock. Da ist mein Vater. Und er fehlt.
Nicht jeder Trigger ist ein Problem. Manche Trigger sind Beweise. Beweise dafür, dass ein Mensch nicht verschwindet, nur weil er nicht mehr anrufen kann. Beweise dafür, dass Verbindung nicht gelöscht wird, nur weil Zeit vergeht. Beweise dafür, dass Liebe manchmal keinen Körper mehr hat, aber trotzdem weiterlebt wie ein verdammter Brand unter der Haut.
Wenn mich so ein Reel heute emotional herfickt, dann heißt das nicht, dass ich versagt habe. Es heißt nicht, dass ich „noch nicht durch“ bin. Es heißt nicht, dass ich irgendein Modul, Seminar oder Seelen-Reset brauche. Es heißt, dass ich ihn liebe. Immer noch. Punkt.
Echte Verbindung lässt sich nicht wegcoachen. Sie lässt sich nicht überschreiben, nicht ausradieren, nicht mit Atemtechnik neutralisieren und nicht in irgendeinem Modell sauber ablegen. Mein Vater ist nicht mehr da, aber er ist auch nicht weg. Er sitzt in meinem Humor, in meiner Wut, in meiner Art, das Leben anzuschauen, und wahrscheinlich auch in diesem inneren Kopfschütteln, wenn wieder irgendein Mensch behauptet, alles habe einen tieferen Sinn.
Heute hat mich ein Reel erwischt. Vater und Sohn. Ein paar Sekunden nur. Für andere war es Content, für mich war es eine Tür, die brutal aufgegangen ist. Dahinter stand kein Trauma, das gelöst werden will. Dahinter stand Liebe, die ihren Menschen vermisst.
Also ja, Dad, miss you. Heute wieder mehr als sonst. Nicht als Pose, nicht als Drama, nicht als sentimentale Show für Applaus. Sondern weil manche Menschen nicht Vergangenheit werden, nur weil sie sterben. Manche bleiben in dir wie eine zweite Sprache, und manchmal sagt diese Sprache nur: Fuck, ich wünschte, du wärst hier.
Nicht jeder Schmerz will geheilt werden. Manche Schmerzen sind Liebe, die keine Adresse mehr hat, aber trotzdem jeden verdammten Tag weiterlebt.
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