LifeArchitect.at • Selbstführung beginnt, wo Selbstbetrug endet.

Manche Menschen erwarten, dass du Dinge einfach akzeptierst, die sie selbst niemals schlucken würden, wenn du es mit ihnen machen würdest.

Und sobald du das bemerkst, brauchst du keine weitere Analyse ihrer Kindheit, Bindungsmuster oder Merkurstellung. Du brauchst nur einen simplen Test: Würde diese Person dasselbe Verhalten von mir akzeptieren?

Wenn die Antwort Nein lautet, hast du meistens kein Kommunikationsproblem. Du hast ein Doppelstandardproblem mit hübscher Verpackung. Die eigene Rücksichtslosigkeit heißt dann „schwierige Phase“, deine Reaktion darauf plötzlich „mangelnde Empathie“. Schon praktisch, wenn man gleichzeitig Täter, Richter und Pressesprecher der eigenen Geschichte sein darf.

Wenn sie dich versetzen, sollst du Verständnis haben. Wenn du sie versetzt, bist du respektlos. Wenn sie drei Tage nicht antworten, war viel los. Wenn du drei Stunden nicht reagierst, spüren sie plötzlich eine „Veränderung in deiner Energie“. Faszinierend, wie feinfühlig Menschen werden, sobald sie nicht selbst diejenigen sind, die andere warten lassen.

Dasselbe Spiel funktioniert hervorragend mit Ehrlichkeit. „Du kannst mir alles sagen“, bedeutet bei manchen Menschen offenbar: Du kannst mir alles sagen, solange ich danach weiterhin hervorragend dastehe. Sobald deine Ehrlichkeit ihr Selbstbild berührt, wird aus gewünschter Offenheit innerhalb weniger Sekunden ein diplomatischer Zwischenfall. Ehrlichkeit war dann nie das Ziel, gesucht wurde Zustimmung mit authentischem Etikett.

Noch schöner wird es bei Grenzen. Ihre Grenzen sollst du selbstverständlich respektieren, verstehen, würdigen und vermutlich mit einem kleinen Blumenstrauß begrüßen. Deine Grenze dagegen wird erst einmal verhandelt. Vielleicht hast du sie falsch formuliert, vielleicht meinst du sie gar nicht so, vielleicht bist du gerade emotional und vielleicht wäre es persönliches Wachstum, wenn du einfach das zulässt, was der andere ohnehin gerne machen möchte.

Und genau hier liegt der Denkfehler vieler Menschen: Sie prüfen die Erklärung und nicht die Regel. Jede Grenzüberschreitung lässt sich erklären. Stress, Angst, Vergangenheit, Überforderung, schlechte Erfahrungen, Vollmond, Wasserschaden, Hamster erkältet. Eine Erklärung kann Verhalten verständlicher machen, sie verwandelt es nur nicht automatisch in akzeptables Verhalten.

Der brauchbarere Maßstab ist Gegenseitigkeit. Wenn jemand Nachsicht verlangt, schau dir an, wie viel Nachsicht du bekommst. Wenn jemand Respekt fordert, beobachte, wie respektvoll er mit deinem Nein umgeht. Wenn jemand ständig Verständnis für seine Fehler möchte, prüfe, ob deine Fehler ebenfalls als menschlich gelten oder regelmäßig aus dem emotionalen Bundesarchiv gezogen werden.

Das ist übrigens keine Einladung, jede Beziehung in eine Excel-Tabelle zu verwandeln und nach jedem Gespräch eine Fairnessquote zu berechnen. Menschen sind inkonsequent, müde, überfordert und gelegentlich schlicht deppert. Entscheidend ist das Muster. Ein Fehler ist menschlich, ein dauerhaftes System, in dem einer schluckt und der andere serviert, ist etwas anderes.

Besonders elegant wird Manipulation dort, wo deine Toleranz zur moralischen Pflicht erklärt wird. Plötzlich bist du unreif, wenn du Konsequenzen ziehst. Du bist nachtragend, wenn du dich erinnerst. Du bist schwierig, wenn du nicht mehr mitspielst. Interessanterweise endet der Ruf nach grenzenloser Empathie häufig exakt an jener Stelle, an der die andere Person selbst etwas aushalten müsste.

Ich stelle mir deshalb bei solchen Situationen nur noch eine Frage: Würdest du das von mir genauso akzeptieren? Falls nicht, erspar mir bitte den Vortrag darüber, warum ich es bei dir verstehen sollte. Sonderrechte werden nicht dadurch fairer, dass man sie mit psychologischem Fachvokabular dekoriert.

Verständnis bedeutet für mich nicht, alles hinzunehmen. Ich kann verstehen, warum jemand etwas getan hat, und trotzdem entscheiden, dass ich dieses Verhalten nicht mehr in meinem Leben haben möchte. Verständnis erklärt Verhalten, es unterschreibt keinen Freifahrtschein. Dieser Unterschied spart erstaunlich viele Jahre, die man sonst damit verbringt, fremde Grenzüberschreitungen intellektuell schönzureden.

Falls du merkst, dass du regelmäßig Dinge schluckst, die du anderen niemals zumuten würdest, dann könnte mein Buch „Reiß dich mal zusammen, du Lappen!“ unangenehm passend sein. Es geht um Eigenverantwortung, Grenzen, Selbstführung und darum, den eigenen Anteil dort zu übernehmen, wo man viel zu lange darauf wartet, dass andere plötzlich freiwillig fair werden. Du findest das Buch unter https://lappen.lifearchitect.at/.

Denn manche Menschen behandeln dich genau so lange nach ihren Sonderregeln, wie du bereit bist, diese Sonderregeln mitzutragen. Wer Fairness will, sollte deshalb nicht nur prüfen, was andere verlangen, sondern auch, warum er selbst immer wieder unterschreibt.

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