Manche Menschen erklären dir nach der dritten Niederlage, warum dein Traum unrealistisch ist. Alexander Zverev hat sich jahrelang anhören dürfen, warum er angeblich niemals die ganz großen Titel gewinnen würde. Jetzt hat er sich einen Platz gesichert, den vor ihm nur 29 Männer erreicht haben: die Spitze der Tenniswelt.
Am 29. Oktober 2026 schreibt der 29-jährige Hamburger in der Wiener Stadthalle Tennisgeschichte. Mit einem 6:4, 7:5 gegen Tallon Griekspoor sichert er sich seinen erstmaligen Aufstieg auf Platz eins der ATP-Weltrangliste. Am 2. November wird er Jannik Sinner offiziell ablösen und damit als zweiter deutscher Mann nach Boris Becker den Tennisthron besteigen.
Seit Einführung der ATP-Weltrangliste im Jahr 1973 haben nur 29 Männer vor ihm diesen Platz erreicht. Boris Becker schaffte es 1991 und hielt sich insgesamt zwölf Wochen an der Spitze. Zverev wird darüber hinaus als erster deutscher Mann ein Tennisjahr auf Platz eins abschließen. Auch das steht bereits seit dem 12. Oktober rechnerisch fest.
Das sind beeindruckende Zahlen. Die eigentliche Geschichte beginnt allerdings dort, wo solche Statistiken normalerweise aufhören: bei verlorenen Finals, verletzten Bändern, zerplatzten Träumen, einer lebenslangen chronischen Erkrankung, öffentlichen Zweifeln und der verdammt unbequemen Entscheidung, trotzdem weiterzumachen.
Ich möchte diesen Erfolg deshalb nicht nur als Tennisfan würdigen. Mich beeindruckt vor allem die sportliche und mentale Leistung eines Menschen, dessen Karriere mehrfach eine Richtung einschlug, in der andere längst das Handtuch geworfen hätten.
Und ich glaube, dass wir eine ganz wesentliche Leistung von Alexander Zverev bisher viel zu wenig würdigen.
Denn während die Tenniswelt seine Aufschläge, seine Rückhand und seine Nervenstärke analysiert, bestreitet er seit seiner frühesten Kindheit einen weiteren, unsichtbaren Wettkampf. Einen, der nicht nach zwei gewonnenen Sätzen endet und bei dem es keine Saisonpause gibt.
Alexander Zverev lebt mit Diabetes Typ 1.
Vom Hamburger Tennistalent zu einem der Besten der Welt
Alexander, von vielen einfach Sascha genannt, wird am 20. April 1997 in Hamburg geboren. Seine Eltern Alexander senior und Irina stammen aus einer Tennisfamilie, sein älterer Bruder Mischa wird ebenfalls Tennisprofi. Tennis ist für Sascha deshalb früh mehr als ein gelegentliches Hobby. Es wird zu einer Welt, in der er aufwächst, lernt, konkurriert und sich zunehmend mit den Besten misst.
Schon 2013 führt er die Junioren-Weltrangliste an, 2014 gewinnt er den Juniorentitel bei den Australian Open. 2016 folgt mit gerade einmal 19 Jahren sein erster ATP-Turniersieg in St. Petersburg gegen Stan Wawrinka. 2017 gewinnt er in Rom gegen Novak Djokovic seinen ersten Masters-1000-Titel und legt in Montreal gegen Roger Federer den nächsten großen Erfolg nach.
Spätestens mit seinem Triumph bei den ATP Finals 2018, erneut gegen Djokovic, gehört Zverev endgültig zur internationalen Tenniselite. 2021 gewinnt er bei den Olympischen Spielen in Tokio die Goldmedaille im Einzel, nachdem er im Halbfinale Djokovic und im Finale Karen Chatschanow besiegt hat. Im selben Jahr holt er zum zweiten Mal den Titel bei den ATP Finals.
Für einen Außenstehenden klingt diese Bilanz nach einer nahezu perfekten Karriere. Mehrere Masters-Titel, Olympiagold, zwei Weltmeistertitel beim ATP-Saisonfinale und über Jahre ein fester Platz unter den besten Spielern der Welt. Ein Lebenslauf, für den wahrscheinlich die überwältigende Mehrheit aller Tennisprofis sofort unterschreiben würde.
Was viele Menschen lange nicht wussten: All diese Erfolge entstanden unter gesundheitlichen Bedingungen, die erheblich mehr Aufmerksamkeit und Planung erfordern als bei einem Leistungssportler ohne Diabetes.
Diabetes Typ 1: Der Kampf, der bereits mit vier Jahren begann
Alexander Zverev ist gerade einmal vier Jahre alt, als bei ihm Diabetes mellitus Typ 1 diagnostiziert wird. Sein Körper produziert aufgrund einer Autoimmunerkrankung nicht mehr ausreichend eigenes Insulin. Damit beginnt eine medizinische Verantwortung, die ihn sein gesamtes weiteres Leben begleiten wird.
Typ-1-Diabetes entsteht nicht durch eine ungesunde Lebensweise, zu wenig Bewegung oder mangelnde Disziplin. Die Erkrankung ist bislang nicht heilbar und erfordert eine lebenslange Insulintherapie. Wer glaubt, man könne sich mit genügend Willenskraft oder einer besonders gesunden Ernährung davon befreien, verwechselt medizinische Realität mit den üblichen Selbstoptimierungsfantasien.
Für Sascha bedeutet die Diagnose, schon als Kind Dinge lernen zu müssen, mit denen sich die meisten Gleichaltrigen überhaupt nicht beschäftigen. Blutzuckerwerte kontrollieren, Insulin verabreichen, Ernährung berücksichtigen und körperliche Belastungen einschätzen. Während andere Kinder einfach zum Sport gehen, muss er zusätzlich lernen, was sein Körper benötigt und wie er auf Belastung reagiert.
Dabei hat ausgerechnet dieser Junge einen ziemlich ambitionierten Traum: Er möchte professioneller Tennisspieler werden und zu den Besten der Welt gehören.
In späteren Interviews berichtet Zverev, dass seiner Familie damals wiederholt erklärt wurde, professioneller Leistungssport sei mit dieser Erkrankung kaum oder gar nicht möglich. Besonders die intensive körperliche Belastung im Tennis wurde als problematisch angesehen. Seine Familie ließ sich davon nicht grundsätzlich vom sportlichen Weg abbringen, sondern unterstützte ihn dabei, seinen Traum unter Berücksichtigung der medizinischen Anforderungen weiterzuverfolgen.
Und hier beginnt für mich bereits eine außergewöhnliche Geschichte über Eigenverantwortung.
Denn Eigenverantwortung bedeutet nicht, die Realität zu leugnen oder gesundheitliche Grenzen einfach zu ignorieren. Sie bedeutet, sich mit den tatsächlichen Bedingungen auseinanderzusetzen, die notwendige Unterstützung anzunehmen und innerhalb dieser Bedingungen die bestmöglichen Entscheidungen zu treffen.
Alexander Zverev musste schon früh lernen, dass seine sportlichen Ziele nur erreichbar sein würden, wenn er sich konsequent um seinen Körper kümmert.
Ein zusätzlicher Wettkampf, den die Zuschauer nicht sehen
Ein professionelles Tennismatch kann eine Stunde dauern, drei Stunden oder deutlich länger. Niemand weiß vor dem ersten Aufschlag, welche körperliche Belastung tatsächlich auf die Spieler zukommen wird. Hitze, Stress, Adrenalin und intensive Bewegung können den Blutzuckerspiegel beeinflussen und machen die Steuerung einer Insulintherapie besonders anspruchsvoll.
Zverev hat in mehreren Interviews beschrieben, wie er mit dieser Situation umgeht. Er nutzt einen Glukosesensor zur laufenden Überwachung seiner Werte und kontrolliert diese beispielsweise bei Seitenwechseln über ein entsprechendes Empfangsgerät. Abhängig von der Situation muss er Kohlenhydrate zuführen oder Insulin verabreichen.
Er hat sich bewusst gegen eine Insulinpumpe während seiner Matches entschieden, weil ihn diese beim Tennisspielen beeinträchtigen würde. Stattdessen kombiniert er kontinuierliche Glukosemessung, Insulininjektionen und eine auf seine sportlichen Anforderungen abgestimmte Ernährung.
Man stelle sich das einmal vor. Du spielst gegen Novak Djokovic, Rafael Nadal, Carlos Alcaraz oder Jannik Sinner, musst taktisch jeden Ballwechsel analysieren und gleichzeitig darauf achten, dass dein Stoffwechsel stabil bleibt. Während der Gegner seine Konzentration auf den sportlichen Wettkampf richtet, kommt bei dir eine zusätzliche medizinische Aufgabe hinzu.
Das ist keine romantische Heldengeschichte. Das ist der tatsächliche Alltag eines Spitzensportlers mit Typ-1-Diabetes.
Und genau deshalb verdient diese Leistung Anerkennung.
Die Fähigkeit, eine chronische Erkrankung über Jahre konsequent zu managen, ist kein Beweis für übermenschliche Willenskraft. Sie entsteht durch Wissen, medizinische Betreuung, Erfahrung, geeignete Technik und tägliche Aufmerksamkeit. Dass Zverev all das mit den Anforderungen des internationalen Spitzentennis verbindet, macht seine Karriere um eine wesentliche Dimension beeindruckender.
2022: Alexander Zverev macht seine Erkrankung öffentlich
Erst am 6. August 2022 spricht Alexander Zverev öffentlich über seine Diabetes-Erkrankung. Zu diesem Zeitpunkt ist er bereits Olympiasieger, mehrfacher Masters-Champion und einer der besten Tennisspieler der Welt.
Warum hat er so lange geschwiegen?
In Interviews erklärt er später, dass er sich in jüngeren Jahren mit seiner Erkrankung unwohl gefühlt habe. Er wollte nicht anders wahrgenommen werden als seine Mitspieler und keine Sonderrolle einnehmen. Auch Scham spielte nach seinen eigenen Aussagen zeitweise eine Rolle.
Ich finde diesen Aspekt besonders bemerkenswert. Wir sehen einen international erfolgreichen Sportler, der vor Tausenden Zuschauern auf den größten Tennisplätzen der Welt antritt und gleichzeitig jahrelang Schwierigkeiten damit hat, über eine gesundheitliche Realität zu sprechen, die seit seiner Kindheit zu ihm gehört.
Das sollte uns etwas über die Bedeutung von Authentizität erzählen.
Es braucht manchmal mehr Mut, eine persönliche Verletzlichkeit öffentlich zu zeigen, als vor einem ausverkauften Stadion einen entscheidenden Aufschlag zu spielen. Vor allem dann, wenn man sich selbst über viele Jahre daran gewöhnt hat, bestimmte Seiten der eigenen Person möglichst unsichtbar zu halten.
Zverev entscheidet sich 2022 nicht nur dafür, offen über seine Erkrankung zu sprechen. Er gründet gemeinsam mit seiner Familie die Alexander Zverev Foundation: Aufschlag gegen Diabetes.
Die Stiftung unterstützt insbesondere Kinder und Jugendliche mit Diabetes Typ 1. Sie engagiert sich für eine bessere medizinische Versorgung, hilft bei der Bereitstellung von Insulin und anderen wichtigen Hilfsmitteln und fördert Projekte, die betroffenen Kindern ein aktives Leben ermöglichen sollen. Zu ihren unterstützten Initiativen gehören unter anderem Projekte in der Demokratischen Republik Kongo und in Nepal.
Auf ihrer Website berichtet die Stiftung inzwischen von mehr als 1.150 erreichten Kindern und Jugendlichen sowie über einer Million Euro an gesammelten Spenden.
Damit bekommt Zverevs Erfolg eine zusätzliche Bedeutung. Er nutzt seine Bekanntheit nicht ausschließlich, um weitere sportliche Ziele zu verfolgen, sondern auch, um Menschen zu unterstützen, deren medizinische und finanzielle Möglichkeiten erheblich schlechter sind als seine eigenen.
Und genau da zeigt sich für mich eine Form von Verantwortung, die weit über einen Tennisplatz hinausgeht.
Denn wer selbst erlebt hat, wie wichtig medizinische Versorgung und familiäre Unterstützung sind, weiß möglicherweise besonders gut, was es für andere bedeutet, wenn diese Möglichkeiten fehlen.
New York 2020: Wenn dir der größte Triumph durch die Finger gleitet
Am 13. September 2020 steht Zverev erstmals in einem Grand-Slam-Finale. Auf der anderen Seite des Netzes wartet Dominic Thiem, der österreichische Ausnahmeathlet, mit dem ihn längst eine sportliche Rivalität und persönliche Freundschaft verbinden. Es geht um die US Open und damit um den größten Titel, den beide bis dahin noch nicht gewinnen konnten.
Zverev beginnt hervorragend, gewinnt die ersten beiden Sätze und führt auch im dritten bereits mit einem Break. Selbst im fünften Satz liegt er noch mit 5:3 vorne und serviert anschließend zum Matchgewinn. Er ist seinem ersten Grand-Slam-Triumph so nahe, dass man den Pokal gedanklich schon beinahe in seine Hände legen könnte.
Doch Dominic Thiem kämpft sich zurück und gewinnt schließlich im Tiebreak des fünften Satzes. Zverev verliert das Finale mit 6:2, 6:4, 4:6, 3:6 und 6:7 aus seiner Sicht. Aus dem erhofften größten Erfolg seiner Karriere wird eine der bittersten Niederlagen.
Und selbstverständlich ist die Tenniswelt anschließend voller Menschen, die ihm erklären, woran es gelegen hat. Seine Nerven, sein zweiter Aufschlag, seine Mentalität, seine Fähigkeit, entscheidende Matches zu gewinnen. Wer sich jemals nach einem großen persönlichen Rückschlag die Kommentare selbst ernannter Experten anhören durfte, kennt dieses erstaunliche Phänomen: Hinterher wissen immer alle ganz genau, wie es richtig gewesen wäre.
Ich sehe darin eine zentrale Lektion: Du kannst alles richtig vorbereiten, jahrelang trainieren und am entscheidenden Tag trotzdem verlieren. Eine Niederlage ist zunächst das Ergebnis eines Wettkampfs, kein endgültiges Urteil über deinen Charakter oder deine Zukunft.
Zverev musste lernen, mit einer öffentlichen Version dieser Wahrheit zu leben.
Paris 2022: Drei gerissene Bänder und ein zerstörter Traum
Der 3. Juni 2022 ist für mich einer der entscheidenden Momente dieser Geschichte. Alexander Zverev steht im Halbfinale der French Open gegen Rafael Nadal und spielt auf einem Niveau, das selbst den legendären Spanier enorm fordert. Es ist ein intensiver, hochklassiger Kampf, in dem beide Spieler körperlich und mental an ihre Grenzen gehen.
Dann passiert das, was kein Trainingsplan verhindern und keine mentale Technik rückgängig machen kann. Bei einem Richtungswechsel knickt Zverev mit dem rechten Fuß schwer um. Drei Außenbänder im Sprunggelenk reißen, wenig später muss er operiert werden. Seine French Open sind vorbei, seine Saison ebenfalls.
Die Bilder, wie Zverev unter Schmerzen vom Platz gebracht wird, bleiben im Gedächtnis. Nur wenige Tage später erreicht er dennoch mit Platz zwei seine bis dahin höchste Position in der Weltrangliste. Der vielleicht größte sportliche Erfolg liegt in diesem Moment unmittelbar vor ihm, während sein Körper ihm keine Möglichkeit gibt, darum zu kämpfen.
Besonders bitter wird die Situation im August 2022. Nach dem frühen Ausscheiden von Daniil Medwedew in Montreal liegen zwischen dem Russen auf Platz eins und dem verletzten Zverev zeitweise nur noch 125 Weltranglistenpunkte. Medwedew hat 6.885 Punkte, Zverev 6.760. Doch Sascha kann nicht antreten und verliert weitere Punkte, weil er seinen Titel in Cincinnati nicht verteidigen kann.
Man muss sich diese Situation einmal vorstellen. Jahrelang arbeitest du darauf hin, die Nummer eins der Welt zu werden. Dann rückt dieses Ziel bis auf 125 Punkte heran, und ausgerechnet in diesem Augenblick kannst du keinen einzigen Punkt gewinnen.
Natürlich lässt sich nicht behaupten, dass Zverev ohne die Verletzung automatisch die Nummer eins geworden wäre. Er hätte weiterhin die notwendigen sportlichen Ergebnisse liefern müssen. Fest steht jedoch, dass er bei einem Triumph in Roland Garros 2022 bereits die Weltranglistenspitze erreicht hätte und ihm durch die Verletzung weitere realistische Chancen entgingen.
Das ist für mich der Unterschied zwischen einer gewöhnlichen Niederlage und einem wirklichen Schicksalsschlag. Bei einer Niederlage kannst du Fehler analysieren und beim nächsten Match besser spielen. Bei einer schweren Verletzung musst du zunächst akzeptieren, dass deine unmittelbare Kontrolle über das sportliche Geschehen verloren ist.
Du kannst nicht entscheiden, wie schnell dein Körper heilt. Du kannst entscheiden, wie gewissenhaft du deine Rehabilitation angehst und ob du bereit bist, dir deine Leistungsfähigkeit Schritt für Schritt zurückzuerarbeiten.
2023 und 2024: Zurückzukommen ist schwerer, als viele glauben
Anfang 2023 kehrt Zverev auf die Tour zurück. Er ist nicht mehr automatisch der Spieler, der vor seiner Verletzung zu den besten drei der Welt gehörte. Sein Ranking fällt im Frühjahr bis auf Platz 27, und gegen die internationale Spitze fehlt nach der langen Pause zunächst jene Selbstverständlichkeit, die im Hochleistungssport über entscheidende Punkte bestimmen kann.
Was von außen wie ein einfacher Wiedereinstieg aussieht, bedeutet in der Realität, wieder Vertrauen in den eigenen Körper, die Bewegungen und die Belastbarkeit zu entwickeln. Das Timing muss zurückkommen, ebenso die Sicherheit bei abrupten Richtungswechseln. Und während du dir all das erarbeitest, wartet die Konkurrenz nicht höflich darauf, dass du wieder bei hundert Prozent bist.
Während der French Open 2023 wird auch seine Diabetes-Erkrankung erneut zum öffentlichen Thema. Im Achtelfinale gegen Grigor Dimitrow entsteht Verwirrung darüber, ob und wo Zverev sich während des Spiels Insulin spritzen darf. Er kritisiert den Umgang mit seiner medizinisch notwendigen Behandlung und verlangt klare Regeln.
Die Turnierveranstalter stellen anschließend klar, dass er sich Insulin auch direkt auf dem Platz verabreichen darf und ein notwendiger Gang in die Kabine nicht als reguläre Toilettenpause zählt.
Es ist eine bemerkenswerte Situation. Einer der besten Tennisspieler der Welt muss während eines Grand-Slam-Turniers darüber diskutieren, wie er eine seit seiner Kindheit bestehende, lebensnotwendige Behandlung durchführen darf. Was medizinisch selbstverständlich sein sollte, wird plötzlich zum organisatorischen Problem.
Auch solche Erlebnisse gehören zur Geschichte eines Spitzensportlers mit chronischer Erkrankung.
Zverev gewinnt 2023 die Turniere in Hamburg und Chengdu, erreicht bei den French Open erneut das Halbfinale und beendet das Jahr wieder in den Top Ten. 2024 folgt eine seiner bis dahin besten Saisonen. Er gewinnt unter anderem das Masters in Rom, erreicht 69 Einzelsiege im Saisonverlauf und beendet das Jahr als Weltranglistenzweiter.
In Paris erreicht er 2024 erneut das Grand-Slam-Finale. Gegen Carlos Alcaraz führt er nach Sätzen bereits mit 2:1, bevor der Spanier die Partie dreht und in fünf Sätzen gewinnt. Wieder ist Zverev nur einen Satz von seinem großen Traum entfernt, wieder steht er am Ende ohne den Pokal da.
Im Jänner 2025 wartet die nächste Gelegenheit. Im Finale der Australian Open trifft er auf Jannik Sinner und verliert in drei Sätzen. Das dritte verlorene Grand-Slam-Finale seiner Karriere ist Realität.
Drei Endspiele, drei Niederlagen. Für manche Beobachter genügt diese Statistik, um einen Sportler endgültig als jemanden abzustempeln, der die entscheidenden Momente nicht gewinnen könne.
Eine bemerkenswert bequeme Bewertung, wenn man selbst noch nie unter diesem Druck auf einem Tennisplatz gestanden ist.
Wimbledon 2025: Die mentale Herausforderung hinter dem Spitzensport
Wer eine Hommage an Zverevs mentale Stärke schreiben möchte, darf einen Moment nicht auslassen, der mit Pokalen und Weltranglistenpunkten zunächst wenig zu tun hat.
Im Juli 2025 scheidet Sascha bereits in der ersten Runde von Wimbledon gegen Arthur Rinderknech aus. In der anschließenden Pressekonferenz spricht er ungewöhnlich offen über seine psychische Verfassung. Er fühle sich einsam, habe Schwierigkeiten, außerhalb des Tennis Freude zu empfinden, und fühle sich innerlich leer.
Er spricht sogar darüber, dass professionelle psychotherapeutische Unterstützung für ihn infrage kommen könnte. Das sind keine gewöhnlichen Aussagen eines Sportlers, der sich über eine Niederlage ärgert. Es ist ein offener Einblick in eine persönliche Belastung, die durch einen hohen Kontostand, sportliche Erfolge und öffentliche Anerkennung nicht einfach verschwindet.
Ich halte gerade diesen Moment für einen wesentlichen Teil seiner Geschichte. Wir haben uns gesellschaftlich eine ziemlich absurde Vorstellung von Stärke angewöhnt. Wer stark ist, soll funktionieren, durchhalten, keine Schwäche zeigen und gefälligst jederzeit motiviert sein.
Nur ist ein Mensch kein verdammter Motor, den man mit ein paar aufmunternden Worten wieder auf volle Drehzahl bringt.
Mentale Stärke bedeutet nicht, niemals Probleme zu haben. Sie zeigt sich auch darin, Probleme wahrzunehmen, sie ehrlich anzusprechen und notwendige Veränderungen nicht länger zu verdrängen.
Ob und in welcher Form Zverev danach professionelle Unterstützung in Anspruch genommen hat, lässt sich aus diesen Aussagen nicht ableiten. Ebenso wenig wäre es seriös, seinen späteren sportlichen Erfolg als Beweis zu verkaufen, dass sämtliche persönlichen Schwierigkeiten überwunden sind.
Was wir wissen: Er sprach öffentlich über seine Belastung. Und er fand sportlich den Weg zurück zu seiner besten Leistungsfähigkeit.
Beides verdient Respekt, ohne daraus eine kitschige Geschichte vom Wunder der positiven Gedanken zu konstruieren.
2026: In Paris schließt sich ein Kreis
Am 7. Juni 2026 steht Alexander Zverev erneut im Finale der French Open. Diesmal wartet Flavio Cobolli, ein italienischer Spieler, der erstmals ein Grand-Slam-Endspiel bestreitet. Zverev selbst hat nach drei verlorenen Finals und einem Jahrzehnt voller Erwartungen bereits reichlich Erfahrung mit dem Druck solcher Begegnungen.
Das Match entwickelt sich zu einem echten Kraftakt. Zverev gewinnt den ersten Satz deutlich, verliert den zweiten, holt sich den dritten und muss nach dem verlorenen Tiebreak des vierten Satzes erneut in einen entscheidenden fünften Durchgang. Ausgerechnet die Situation, in der er in vergangenen großen Endspielen gescheitert war, steht wieder vor ihm.
Nur diesmal lässt er sie nicht entgleiten.
Er gewinnt den fünften Satz mit 6:1 und damit das Finale mit 6:1, 4:6, 6:4, 6:7 und 6:1. Mit 29 Jahren ist er endlich Grand-Slam-Sieger. Vier Jahre nach jener schweren Verletzung auf dem Pariser Sandplatz hält er genau dort den Pokal in die Höhe, der ihm so lange verwehrt geblieben war.
Diese Geschichte besitzt eine Symbolkraft, die sich kein Drehbuchautor überzeugender ausdenken könnte. Derselbe Ort, an dem sein Körper 2022 auf schmerzhafte Weise seine Grenzen aufgezeigt hatte, wird vier Jahre später zum Schauplatz seines größten sportlichen Durchbruchs.
Ich würde daraus trotzdem keine Behauptung machen, dass das Schicksal für seine Geduld einen Pokal vorgesehen hatte. Die Realität verteilt keine Belohnungen nach moralischer Berechtigung. Zverev hat gewonnen, weil er wieder das erforderliche sportliche Niveau erreicht und am entscheidenden Tag die bessere Leistung erbracht hat.
Die Jahre davor machen diesen Sieg menschlich besonders. Sie ersetzen nicht die Leistung, die ihn möglich gemacht hat.
Halle 2026: Wenn selbst modernste Technik versagt
Nur wenige Tage nach seinem großen Triumph bei den French Open wird Zverev beim Rasenturnier in Halle erneut schmerzhaft daran erinnert, wie anspruchsvoll seine Diabetes-Erkrankung sein kann.
Im Halbfinale gegen Taylor Fritz am 20. Juni 2026 kommt es zu einem problematischen Zwischenfall. Nach Zverevs eigener Darstellung zeigt sein Glukosesensor fälschlicherweise stark erhöhte Blutzuckerwerte an. Er reagiert darauf mit einer zu hohen Insulindosis, obwohl sein tatsächlicher Wert wesentlich niedriger liegt.
Die Folge ist eine Unterzuckerung, die ihn während des Matches erheblich belastet. Später berichtet er, während der Begegnung ungefähr 350 Gramm Zucker über Glukose-Gels aufgenommen zu haben, um seinen Blutzuckerspiegel zu stabilisieren.
Trotz dieser Schwierigkeiten beendet er das Match, verliert jedoch nach drei Sätzen mit 7:6, 4:6 und 5:7 gegen Fritz.
Ich finde diesen Vorfall besonders aufschlussreich, weil er zeigt, dass auch jahrelange Erfahrung, perfekte Vorbereitung und moderne Medizintechnik nicht sämtliche Risiken beseitigen können. Zverev kennt seine Erkrankung seit Jahrzehnten, er arbeitet mit technischen Hilfsmitteln und hat sein Diabetesmanagement längst in seinen sportlichen Alltag integriert.
Und trotzdem kann eine fehlerhafte Messung ausreichen, um eine gesundheitlich gefährliche Situation entstehen zu lassen.
Das ist kein Mangel an Disziplin und kein persönliches Versagen. Es ist eine Erinnerung daran, dass chronische Erkrankungen auch unter optimalen Bedingungen unberechenbare Momente mit sich bringen können.
Wer Zverevs sportliche Leistungen beurteilt, sollte sich dieser zusätzlichen Belastung zumindest bewusst sein. Nicht, um ihn auf seine Krankheit zu reduzieren oder jede Niederlage damit zu erklären, sondern um die tatsächlichen Anforderungen seiner Karriere zu verstehen.
Wimbledon und New York: Ein Champion hört nicht nach dem ersten großen Erfolg auf
Fünf Wochen nach seinem Triumph in Paris erreicht Zverev auch das Finale von Wimbledon. Gegen Jannik Sinner verliert er nach einem umkämpften Beginn in vier Sätzen mit 7:6, 6:7, 3:6 und 4:6. Es ist eine weitere Niederlage auf einer der größten Bühnen des Tennissports, diesmal jedoch als frischgebackener Grand-Slam-Sieger.
Und dann kommt New York.
Am 13. September 2026 steht Zverev erneut im Finale der US Open. Sechs Jahre nach seiner bitteren Niederlage gegen Dominic Thiem kehrt er an den Ort zurück, an dem ihm der erste große Titel einst so schmerzhaft entglitten war. Sein Gegner ist der Amerikaner Ben Shelton, der vor heimischem Publikum Geschichte schreiben möchte.
Zverev gewinnt mit 6:3, 7:6, 5:7 und 6:2. Dabei ist sein Weg durch das Turnier keineswegs mühelos gewesen. Schon in seinen ersten beiden Matches hatte er jeweils über fünf Sätze gehen müssen, bevor er zunehmend zu seiner besten Form fand.
Sechs Jahre nach dem verlorenen Finale gegen Thiem ist Alexander Zverev US-Open-Champion. Innerhalb von drei Monaten hat er zwei Grand-Slam-Turniere gewonnen, nachdem er zuvor ein ganzes Jahrzehnt vergeblich um diesen Erfolg gekämpft hatte.
Das Entscheidende daran ist für mich nicht die Vorstellung, dass genügend Ausdauer irgendwann automatisch belohnt wird. Es ist die Erkenntnis, dass frühere Niederlagen spätere Erfolge nicht ausschließen. Zverev hat sich sportlich weiterentwickelt, seine Chancen erneut erarbeitet und sie 2026 genutzt.
Wien, 29. Oktober 2026: Der letzte Schritt zur Nummer eins ist geschafft
Und damit kommen wir zurück nach Wien, in jene Stadt, in der Zverev bereits 2021 das ATP-Turnier gewinnen konnte.
Am 27. Oktober 2026 steht er in der ersten Runde gegen den jungen Spanier Martin Landaluce vor dem Ausscheiden. Über drei Stunden dauert die Partie, vier Matchbälle muss er abwehren. Am Ende gewinnt er mit 7:5, 3:6 und 7:6, wobei der entscheidende Tiebreak mit 13:11 an ihn geht.
Bereits am 12. Oktober hatte rechnerisch festgestanden, dass Zverev die Saison 2026 als Nummer eins der Welt beenden wird. Die Ergebnisse seiner Konkurrenten in Shanghai hatten endgültige Klarheit geschaffen. Jannik Sinner wird wegen seiner Knieverletzung keine weiteren Punkte sammeln können, Carlos Alcaraz und Ben Shelton können Zverev im Kampf um die Nummer eins zum Jahresende nicht mehr einholen.
In Wien geht es somit um den Zeitpunkt seiner ersten offiziellen Übernahme der Weltranglistenspitze. Durch den Sieg gegen Griekspoor am heutigen 29. Oktober steht nun fest: Alexander Zverev wird am 2. November 2026 erstmals die ATP-Weltrangliste anführen.
Die Geschichte enthält sogar eine besondere Ironie. Noch im August hatte Griekspoor Zverev beim Masters in Montreal besiegt. Nach den US Open hatte der Niederländer öffentlich erhebliche Zweifel geäußert, ob Sascha dauerhaft mit Sinner und Alcaraz mithalten und das Jahr als Nummer eins beenden könne.
Nun ist ausgerechnet Griekspoor der Gegner, gegen den Zverev den Sprung an die Spitze perfekt gemacht hat.
Manchmal schreibt der Sport tatsächlich Geschichten, bei denen jeder zusätzliche Kommentar überflüssig erscheint.
Hat Zverev von den Verletzungen seiner Konkurrenten profitiert? Ja. Und?
Eine seriöse Würdigung muss auch die Frage zulassen, wie viel Anteil die Ausfälle seiner größten Konkurrenten an diesem historischen Erfolg hatten.
Jannik Sinner musste seine Saison wegen einer Knieverletzung vorzeitig beenden. Auch Carlos Alcaraz fiel 2026 zeitweise verletzt aus. Diese Umstände haben Zverevs Weg auf Platz eins zweifellos begünstigt. Das zu verschweigen, würde weder Zverev noch seinem sportlichen Erfolg gerecht.
Nun könnte man sich natürlich zurücklehnen und erklären, dass Sascha die Nummer eins nur deshalb werden wird, weil andere nicht spielen konnten. Eine bestechend einfache Argumentation, sofern man bereit ist, die French Open, die US Open, das Wimbledon-Finale und seine jahrelangen Spitzenleistungen großzügig zu ignorieren.
Die ATP-Weltrangliste ist kein Beliebtheitswettbewerb und auch keine theoretische Einschätzung darüber, wer bei optimaler Gesundheit möglicherweise der beste Spieler wäre. Sie basiert auf den tatsächlich erzielten Ergebnissen innerhalb eines definierten Zeitraums. Körperliche Belastbarkeit, Konstanz, Turnierplanung und die Fähigkeit, unter schwierigen Bedingungen Leistung abzurufen, gehören im Spitzensport dazu.
Niemand kann seriös behaupten, wie die Saison bei vollständiger Gesundheit aller Konkurrenten verlaufen wäre. Genauso wenig darf man Zverev seine tatsächlichen Erfolge absprechen, weil andere Spieler verletzungsbedingt pausieren mussten.
2022 war er selbst derjenige, der einen möglichen Aufstieg zur Nummer eins durch eine schwere Verletzung verpasste. 2026 ist er derjenige, der seine Chancen genutzt hat. Beides gehört zur Realität des professionellen Sports.
Und vielleicht sollten wir bei dieser Diskussion auch berücksichtigen, dass Zverev selbst seit über zwei Jahrzehnten mit einer ernsthaften chronischen Erkrankung lebt. Einer Erkrankung, die er bei jeder Trainingseinheit und bei jedem Turnier medizinisch berücksichtigen muss, während er gleichzeitig auf höchstem Niveau konkurriert.
Seine Leistungen verdienen eine sachliche Bewertung, ganz ohne künstliche Abwertung und ohne die gesundheitlichen Herausforderungen seiner Mitbewerber gegeneinander aufzurechnen.
Was Alexander Zverevs Geschichte wirklich über mentale Stärke zeigt
Als Lifearchitect beschäftigen mich an dieser Karriere vor allem die Mechanismen hinter der Leistung.
Zverevs Weg zeigt, dass Disziplin nicht mit permanenter Motivation verwechselt werden darf. Motivation kann einen Menschen antreiben, sich ein Ziel zu setzen und die ersten Schritte zu machen. Sie reicht allein nicht aus, um über Jahre Training, Rehabilitation, Niederlagen und neue Anläufe zu bewältigen.
Seine Diabetes-Erkrankung verleiht diesem Gedanken noch einmal eine andere Bedeutung.
Denn hier geht es um eine Verantwortung, die nicht nur dann besteht, wenn man motiviert ist oder sich besonders leistungsfähig fühlt. Sein Blutzuckermanagement muss auch an Tagen funktionieren, an denen er müde ist, unter Druck steht, sich über eine Niederlage ärgert oder körperlich erschöpft ist.
Gerade darin liegt ein wesentlicher Aspekt von Selbstführung: Die notwendigen Dinge zu tun, auch wenn die eigenen Gefühle und äußeren Umstände gerade nicht besonders hilfreich sind.
Daraus folgt ausdrücklich nicht, dass sich eine Erkrankung durch Disziplin überwinden ließe. Zverev benötigt Insulin, medizinische Betreuung und geeignete Hilfsmittel, unabhängig davon, wie willensstark er ist. Seine Disziplin zeigt sich darin, die Behandlung und ihre Anforderungen ernst zu nehmen und sie mit seinem sportlichen Leben zu vereinbaren.
Genauso wenig bedeutet Eigenverantwortung, dass wir sämtliche Ereignisse kontrollieren könnten. Zverev konnte weder den Ausgang jedes Grand-Slam-Finales noch seine Verletzung in Paris oder die Fehlmessung seines Glukosesensors verhindern. Was in seinem Einflussbereich lag, waren seine Vorbereitung, seine Rehabilitation, sein Krankheitsmanagement und seine weiteren sportlichen Entscheidungen.
Wir sollten außerdem aufhören, Rückschläge nachträglich romantisch zu verklären. Eine schwere Verletzung ist keine wunderbare Lektion des Universums. Eine chronische Erkrankung ist kein Geschenk, das dir das Leben macht, um dich charakterlich aufzuwerten. Und psychische Belastungen verschwinden nicht automatisch, sobald man genügend Trophäen gewonnen hat.
Erst der Umgang mit solchen Ereignissen kann ihnen im Rückblick eine neue Bedeutung geben. Und auch dann gibt es keine Garantie, dass der nächste Versuch erfolgreich sein wird.
Zverevs Entwicklung ist deshalb für mich viel interessanter als die üblichen Geschichten über unerschütterlichen Glauben an sich selbst. Wir sehen einen außergewöhnlich talentierten Sportler, der bereits früh große Erfolge feierte, mehrfach an seinen höchsten Zielen scheiterte und nach einer schweren Verletzung sein Weltklasseniveau erneut aufbauen musste.
Wir sehen einen Menschen, der schon als kleines Kind gelernt hat, mit einer lebenslangen medizinischen Verantwortung umzugehen. Der lange Schwierigkeiten hatte, öffentlich darüber zu sprechen, und inzwischen seine Bekanntheit nutzt, um anderen Betroffenen zu helfen.
Und wir sehen einen Sportler, der offen über persönliche und mentale Schwierigkeiten sprach, ohne dass diese Offenheit seiner sportlichen Zukunft im Weg stehen musste.
Genau diese Kombination widerspricht der oberflächlichen Vorstellung, wahre Stärke bedeute, immer nur selbstbewusst aufzutreten und keinerlei Zweifel zuzulassen.
Stärke ist kein Zustand, den man einmal erreicht und anschließend für immer besitzt. Sie muss unter wechselnden Bedingungen immer wieder neu entwickelt und unter Beweis gestellt werden.
Eine persönliche Hommage an Alexander „Sascha“ Zverev
Lieber Sascha, wenn ich heute auf deine Karriere blicke, sehe ich weit mehr als einen Olympiasieger, zweifachen Grand-Slam-Champion und den Mann, der in wenigen Tagen erstmals die Tennis-Weltrangliste anführen wird.
Ich sehe einen Sportler, der nach der Niederlage von New York weitermachte. Der nach der Verletzung von Paris zurückkehrte, obwohl niemand garantieren konnte, dass er wieder sein früheres Niveau erreichen würde. Der nach weiteren verlorenen Finals erneut antrat und schließlich jene Titel gewann, die so lange gefehlt hatten.
Ich sehe auch einen Menschen, der bereits mit vier Jahren eine Verantwortung übernehmen musste, für die sich niemand freiwillig entscheiden würde. Der früh lernen musste, mit medizinischen Anforderungen umzugehen, während andere Kinder unbeschwert ihren sportlichen Interessen nachgehen konnten.
Und der sich von seiner Erkrankung weder seinen Traum vom Profitennis noch seine sportlichen Ambitionen nehmen ließ.
Ich sehe einen Menschen, der Jahre später den Mut fand, offen über diese Erkrankung zu sprechen und eine Stiftung ins Leben zu rufen, um anderen Betroffenen zu helfen. Der nicht einfach behauptet, man müsse nur fest genug an seine Ziele glauben, sondern selbst täglich zeigt, wie viel Wissen, Unterstützung, medizinische Versorgung und konsequentes Handeln hinter solchen Zielen stehen.
Ich sehe außerdem einen Sportler, der uns einen Einblick in die psychischen Herausforderungen hinter einer vermeintlich perfekten Spitzensportkarriere gegeben hat. Diese Offenheit ist für mich genauso wenig selbstverständlich wie die außergewöhnliche sportliche Leistung. Sie erinnert daran, dass wir Athleten respektieren können, ohne sie zu unfehlbaren Helden erklären zu müssen.
Am 29. Oktober 2026 hast du dir in Wien den Aufstieg an die Spitze der Tenniswelt gesichert. Ab dem 2. November wird neben deinem Namen offiziell die Nummer eins stehen. Du hast damit etwas erreicht, von dem Millionen Tennisspieler träumen und das seit 1973 nur eine verschwindend kleine Zahl von Männern geschafft hat.
Was ich aus deiner Geschichte mitnehme, ist die Bedeutung eines langfristigen Ziels, das auch nach schweren Rückschlägen nicht automatisch seinen Wert verliert. Du hast gezeigt, dass das Ergebnis eines einzelnen Tages noch lange nicht das Ergebnis einer ganzen Karriere sein muss.
Von der Diabetesdiagnose in deiner Kindheit über das verlorene US-Open-Finale 2020 und die schwere Verletzung 2022 bis zu zwei Grand-Slam-Titeln und dem heute gesicherten Aufstieg an die Weltranglistenspitze: Es liegen Jahre dazwischen, in denen der Ausgang dieser Geschichte keineswegs feststand.
Genau deshalb ist dieser Erfolg so außergewöhnlich.
Herzlichen Glückwunsch, Sascha. Nicht nur zur gesicherten Nummer eins der Welt, sondern zu einer sportlichen Lebensleistung, deren Wert sich nicht allein in Pokalen und Ranglistenpunkten messen lässt.
Und für alle, die gerade selbst vor einem scheinbar unüberwindbaren Hindernis stehen, bleibt eine unbequeme, zugleich ermutigende Erkenntnis: Deine bisherigen Niederlagen sagen etwas über deinen bisherigen Weg aus. Sie müssen nicht darüber entscheiden, was du in Zukunft noch erreichen kannst.
Darauf hast du Einfluss, solange du bereit und in der Lage bist, weiter daran zu arbeiten.
Alexander Zverev hat uns 2026 eindrucksvoll gezeigt, wie viel auf einem langen Weg noch möglich ist.
