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Wer entscheidet eigentlich, welche Wörter böse sind? Vermutlich dieselben Erwachsenen, die einem Kind

Wer entscheidet eigentlich, welche Wörter böse sind? Vermutlich dieselben Erwachsenen, die einem Kind „scheiße“ verbieten, während sie selbst beim verstopften Abfluss klingen, als hätten dreizehn Dämonen gerade einen Mietvertrag in ihrem Kehlkopf unterschrieben.

Diese ganze Schimpfwort-Panik ist nicht nur absurd, sie ist auch herrlich heuchlerisch. Kinder sollen bitte keine bösen Wörter benutzen, weil das ja ungezogen ist, unschön klingt und angeblich ein Zeichen schlechter Erziehung sei. Währenddessen steht Vati unter dem Waschbecken, haut sich den Kopf an, verliert eine Dichtung und flucht plötzlich in einer sprachlichen Intensität, für die man früher vermutlich einen Exorzisten, zwei Ministranten und eine neue Rohrzange gebraucht hätte. Aber beim Kind ist natürlich das Problem, wenn es sagt: „Das ist scheiße gelaufen.“

Und Mutti ist auch nicht besser, bevor hier jemand den pädagogischen Heiligenschein poliert. Da wird durchs Haus geschossen wie ein Rohrspatz auf Espresso, weil jemand das Handtuch falsch hingelegt, die Spülmaschine falsch eingeräumt oder den Müllbeutel nicht nach DIN-Norm verknotet hat. Dann fliegen Worte durch den Raum, die wahrscheinlich nicht im Elternrat-Protokoll auftauchen würden. Aber wehe, das Kind benutzt ein klares Wort für eine klare Situation. Dann kommt sofort die große Moralkeule aus dem Schrank: „So etwas sagt man nicht.“

Doch. Manchmal sagt man genau so etwas. Die Frage ist nicht, ob ein Kind ein Wort wie „scheiße“, „verdammt“ oder „fuck“ kennt. Die Frage ist, ob es lernt, wann, wie und wofür es dieses Wort benutzt. Es ist ein gewaltiger Unterschied, ob ein Kind sagt: „Das ist scheiße gelaufen“, oder ob es einen anderen Menschen als „scheiße“ bezeichnet. Wer diesen Unterschied nicht erklären kann, sollte vielleicht nicht so laut von Erziehung sprechen, sondern erstmal Grundkurs Kontext buchen.

Natürlich reden wir nicht von rassistischen, entwürdigenden oder gezielt verletzenden Begriffen. Das ist eine völlig andere Kategorie, auch wenn manche Menschen gern alles in denselben Topf werfen, damit sie nicht denken müssen. Ein Fluchwort ist nicht automatisch ein Angriff. Manchmal ist es einfach ein Druckventil. Ein sprachliches Ausatmen, wenn etwas nervt, weh tut, schiefgeht oder einem das Leben gerade wieder mit nassen Schuhen durchs Wohnzimmer trampelt.

Mein Sohn durfte zu Hause immer schon „scheiße“ sagen, wenn etwas scheiße war. Nicht als Dauerbeschallung, nicht als Beleidigung, nicht als kleines sprachliches Abrisskommando beim Abendessen, sondern passend zur Situation. Und siehe da, die Welt steht noch. Keine Engel sind vom Himmel gefallen, kein Jugendamt hat mit Weihwasser geklingelt, kein moralischer Erdrutsch hat die Nachbarschaft verschluckt. Er hat einfach gelernt, dass Sprache Kontext hat.

Als ich im Kindergarten nachfragte, ob es ein Problem sei, dass er dieses Wort benutzt, wenn es für ihn passt, kam eine ziemlich interessante Rückmeldung. Die Aufsichtspersonen hatten ihn dieses Wort dort nie sagen hören. Skandalös, oder? Vielleicht war im Kindergarten für ihn einfach nichts scheiße. Oder, jetzt wird es für manche Erwachsene richtig wild, vielleicht kann ein Kind tatsächlich unterscheiden, wo welche Sprache passt, wenn man es nicht behandelt wie eine laufende Fehlfunktion mit Brotdose.

Genau das ist der Punkt. Kinder sind nicht automatisch sprachlich verwahrlost, nur weil sie ein Schimpfwort kennen. Sie werden eher verwirrt, wenn Erwachsene ihnen etwas verbieten, das sie selbst ständig benutzen, sobald der Alltag ihnen einmal kurz auf den Fuß tritt. Diese Heuchelei ist oft schlimmer als das Wort selbst. Denn das Kind lernt dann nicht: „Dieses Wort ist gefährlich.“ Es lernt: „Erwachsene dürfen unehrlich sein und nennen es Erziehung.“

Die wirklich hässlichen Wörter kommen oft gar nicht als Schimpfwörter daher. Sie klingen brav, ordentlich und gesellschaftsfähig. „Stell dich nicht so an.“ „Du bist zu empfindlich.“ „Das bildest du dir ein.“ „Hör auf zu nerven.“ Solche Sätze haben keine böse Verpackung, aber sie können deutlich mehr Schaden anrichten als ein ehrliches „verdammt“, wenn der Lego-Turm zum vierten Mal einstürzt. Aber klar, kümmern wir uns lieber um das Wort „scheiße“, während emotionale Entwertung im Sonntagsanzug durchs Wohnzimmer spaziert.

Am Ende geht es nicht darum, Kindern beizubringen, alles rauszurotzen, was ihnen gerade durch den Kopf fällt. Das wäre keine Freiheit, sondern schlechtes Benehmen mit pädagogischer Fehlzündung. Es geht darum, ihnen beizubringen, Sprache bewusst zu benutzen. Ausdruck statt Angriff. Klarheit statt Verletzung. Kontext statt blindes Verbot.

Also nein, „scheiße“ ist nicht automatisch böse. Manchmal ist es einfach die präziseste Beschreibung einer beschissenen Situation. Viel schlimmer ist die erwachsene Doppelmoral, die Kindern saubere Sprache predigt, während sie selbst bei jedem tropfenden Wasserhahn sprachlich in die Unterwelt abbiegt. Vielleicht sollten wir Kindern weniger einreden, dass bestimmte Wörter böse sind, und ihnen mehr zeigen, wie man mit Worten Verantwortung übernimmt. Aber das wäre natürlich anstrengender, als einfach empört „So etwas sagt man nicht“ zu bellen.

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