LifeArchitect.at • Selbstführung beginnt, wo Selbstbetrug endet.

Natürlich ist ihm nicht wirklich alles egal. Dieses „alles“ ist selten wörtlich gemeint, auch wenn die

Natürlich ist ihm nicht wirklich alles egal. Dieses „alles“ ist selten wörtlich gemeint, auch wenn die Hobbypsychologen der Kommentarspalte jetzt schon ihre kleinen Diagnosekärtchen sortieren. Ihm ist nicht egal, ob sein Leben Sinn hat, ob Menschen ehrlich sind, ob Loyalität etwas wert ist oder ob er morgens noch in den Spiegel schauen kann, ohne innerlich zu würgen. Was ihm egal geworden ist, ist der alte Zirkus. Das Betteln um Verständnis. Das Erklären an Menschen, die sowieso nur ihre eigene Version hören wollen. Das Investieren in Situationen, die ihn seit Jahren mehr kosten, als sie jemals zurückgeben.

Ein Mensch, der so wirkt, als würde ihn nichts mehr berühren, war oft nicht schon immer kalt. Meistens war er vorher der Depp, der zu viel gegeben hat, zu lange geblieben ist und Loyalität mit Selbstverbrennung verwechselt hat. Er hat gehofft, erklärt, gewartet, vergeben, geschluckt und sich dabei eingeredet, dass irgendwann schon jemand merken wird, wie viel er trägt. Niedlich. Als würde Respekt automatisch auftauchen, wenn man sich nur lange genug still verheizen lässt.

Das, was andere dann „kalt“ nennen, ist oft nur ein geschlossenes Zugangssystem. Sein Wesen hat sich nicht verändert. Ihm sind Dinge immer noch wichtig, vielleicht sogar mehr als vorher. Nur hat er begriffen, dass nicht jeder Mensch einen Schlüssel zu diesem Teil von ihm verdient. Und ja, das ist für manche natürlich tragisch, besonders für diejenigen, die früher gern ohne Schuhe durch sein Inneres getrampelt sind und jetzt überrascht feststellen, dass die Tür nicht mehr aufgeht.

Diese Gleichgültigkeit ist selten Gleichgültigkeit gegenüber allem. Sie ist selektive Energieverwaltung nach jahrelangem emotionalem Stromausfall. Er gibt nicht mehr jedem Gespräch Gewicht, nicht mehr jeder Meinung Macht, nicht mehr jeder Enttäuschung eine Bühne. Früher hätte er vielleicht diskutiert, bewiesen, erklärt und versucht, verstanden zu werden. Heute hört er sich denselben Unsinn an und denkt nur: Interessant, aber nicht mehr mein Problem.

Und genau das macht Menschen wahnsinnig. Solange jemand verletzt reagiert, ist noch Zugriff da. Solange er diskutiert, kämpft, leidet oder sich rechtfertigt, kann man ihn noch irgendwo packen. Aber wenn er ruhig bleibt, wenn er nicht mehr anspringt, wenn er innerlich einfach den Stecker zieht, dann verliert das alte Spiel seine Wirkung. Plötzlich steht die Drama-Abteilung allein auf der Bühne und merkt, dass das Publikum nach Hause gegangen ist.

Dann kommen die Vorwürfe. „Du hast dich verändert.“ Ja, herzlichen Glückwunsch, das war der Sinn der Übung. „Früher warst du offener.“ Ja, früher war die Tür auch noch nicht von innen verriegelt, nachdem zu viele Idioten sie für einen Notausgang ihrer eigenen Unreife gehalten haben. „Dir ist ja alles egal geworden.“ Nein, falsch. Ihm ist nicht alles egal geworden. Er hat nur aufgehört, alles wichtig zu nehmen, was ihn kaputtmacht.

Das ist kein Mangel an Gefühl, sondern ein Überschuss an Erfahrung. Irgendwann lernt man, dass Mitgefühl keine Einladung zur Selbstaufgabe ist. Dass Loyalität keine Pflicht ist, sich endlos benutzen zu lassen. Dass Verständnis nicht bedeutet, fremde Verantwortung zu adoptieren wie ein hässliches Haustier aus dem Tierheim der Ausreden. Und dass innerer Frieden manchmal damit beginnt, Menschen keine Bühne mehr zu geben, die jede Nähe in Baustelle verwandeln.

Am Ende ist dieser Mensch nicht leer. Er ist nicht gefühllos, nicht abgestumpft und nicht kaputt, auch wenn das für manche die bequemere Geschichte wäre. Er ist nur selektiv geworden. Er bewahrt das, was ihm wichtig ist, nicht mehr für jeden auf, der laut genug klopft. Und wenn er sagt, ihm sei alles scheißegal, meint er meistens: Der Teil meines Lebens, der mich verbrannt hat, bekommt von mir keinen Tropfen Energie mehr.

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