Manchmal lese ich einen Text und denke: „Was für ein Irrer.“ Dann merke ich, dass er von mir ist, drücke auf Senden und nenne es konsequente Persönlichkeitsentwicklung.
Es gibt diesen kurzen Moment vor dem Posten, in dem selbst mein Gehirn nochmal vorsichtig anklopft und fragt: „Bist du sicher, dass wir das wirklich öffentlich machen wollen?“ Und ich sitze da, lese meinen eigenen Text, sehe die Wortwahl, den Sarkasmus, den kleinen verbalen Brandsatz im dritten Absatz und denke mir: Ja, schwierig. Dann drücke ich auf Senden. Weil irgendwer muss ja die digitalen Rauchmelder testen.
Das Absurde ist ja, dass ich oft selbst nicht weiß, ob ein Text jetzt mutig, ehrlich, komplett drüber oder einfach nur ein gepflegter Unfall mit Satzzeichen ist. Manchmal schreibe ich etwas, lese es nochmal und denke: Wer hat diesem Menschen Internet gegeben? Dann fällt mir ein: Ich war das. Und statt den Text zu entschärfen, baue ich meistens noch einen Seitenhieb ein, weil offenbar mein innerer Lektor ein Alkoholproblem und Freude an Eskalation hat.
Natürlich könnte man alles weicher formulieren. Netter. Verträglicher. Mit mehr Watte, weniger Klinge und diesem sanften Coaching-Ton, bei dem jeder Satz klingt, als wäre er vor Veröffentlichung in Hafermilch eingeweicht worden. Aber dann wäre es halt nicht mehr meins. Dann wäre es nur noch ein weiterer Text, der niemandem weh tut, niemanden weckt und sich liest wie ein Beipackzettel für betreutes Nicken.
Die Wahrheit ist: Manche Texte müssen ein bisschen irre sein. Nicht sinnlos irre, nicht beleidigend um der Beleidigung willen, sondern irre genug, um an der inneren Tür zu kratzen, hinter der sich die bequemen Lügen verstecken. Ein braver Text wird gelesen, geliked und vergessen. Ein unangenehmer Text bleibt hängen, stört beim Kaffee und flüstert später nochmal: „Ganz unrecht hatte der Typ leider nicht.“ Und genau da beginnt der Spaß.
Vielleicht ist das mein Schreibprozess in einem Satz: Ich lese es, zweifle kurz an meinem Verstand, finde den Zweifel berechtigt und sende trotzdem. Nicht, weil ich glaube, immer recht zu haben. Sondern weil ich lieber einen echten Gedanken raushaue, der Reibung erzeugt, als einen perfekten Satz zu polieren, der am Ende nur elegant nichts sagt. Perfekte Belanglosigkeit gibt es schon genug, vermutlich sogar mit Canva-Vorlage.
Am Ende ist dieser kleine Moment vor dem Senden vielleicht genau der Filter, den ich brauche. Wenn ich selbst kurz denke „Was für ein Irrer“, dann weiß ich wenigstens, dass der Text noch Puls hat. Und wenn ein Text Puls hat, darf er raus. Alles andere kann gerne im Ordner „zu brav für diese Welt“ verrecken.
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