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Lebendig bist du unbequem, tot bist du plötzlich „ein besonderer Mensch“ mit nachträglich poliertem

Lebendig bist du unbequem, tot bist du plötzlich „ein besonderer Mensch“ mit nachträglich poliertem Charakter.

Es ist schon faszinierend, wie schnell Menschen ihre Erinnerung weichzeichnen, sobald jemand nicht mehr antworten kann. Zu Lebzeiten warst du schwierig, direkt, zu laut, zu ehrlich, zu anders, zu viel. Du hast genervt, gestört, Grenzen gesetzt, Meinungen gehabt und dich vielleicht sogar erdreistet, nicht in die kleine Schublade zu passen, die andere liebevoll für dich beschriftet haben. Unverschämtheit. Kaum bist du weg, wird daraus dann „Er hatte Ecken und Kanten.“ Ach was. Lebendig waren diese Ecken noch ein Problem, tot sind sie plötzlich Persönlichkeit.

Der Tod ist offenbar der beste PR-Berater. Er macht aus Konflikten „Missverständnisse“, aus Distanz „komplizierte Zeiten“ und aus Menschen, die dich kaum ausgehalten haben, plötzlich stille Bewunderer mit feuchtem Blick. Dann kommen die schönen Worte. „Er war immer authentisch.“ „Sie war ein Herzensmensch.“ „Wir werden ihn nie vergessen.“ Lustig, wie viele Menschen dich nie vergessen wollen, nachdem sie dich vorher jahrelang übersehen, belächelt oder klein geredet haben.

Natürlich gibt es echte Trauer. Echte Liebe. Echten Schmerz. Nicht jeder Nachruf ist Heuchelei. Manche Menschen fühlen wirklich, was sie verloren haben, und manchmal begreift man den Wert eines Menschen leider erst, wenn sein Platz leer bleibt. Das ist menschlich, bitter und nicht automatisch verlogen. Aber dann gibt es eben auch diese andere Sorte: die Nachruf-Akrobaten. Zu Lebzeiten Funkstille, nach dem Tod plötzlich literarische Betroffenheit mit Kerze im Profilbild. Sehr würdevoll. Sehr Facebook-tauglich. Sehr praktisch, weil der Tote nicht mehr sagen kann: „Interessant, dass du dich erinnerst.“

Vielleicht ist genau das der Punkt. Warte nicht darauf, dass Menschen dich endlich verstehen, wenn du nicht mehr da bist. Das ist ein ziemlich beschissenes Timing. Lebe nicht so, dass du irgendwann als dekorative Erinnerung besser funktionierst als als echter Mensch. Sag, was gesagt werden muss. Geh, wo du gehen musst. Bleib, wo du bleiben willst. Liebe, solange deine Stimme noch Ton hat und dein Körper noch warm ist. Alles andere ist Nachlassverwaltung für Feigheit.

Wenn du willst, dass sie gut über dich sprechen, brauchst du vielleicht wirklich nur zu sterben. Aber wenn du willst, dass dein Leben dir gehört, dann hör auf, auf diesen Applaus zu warten. Die Meinung anderer ist schon im Leben unzuverlässig genug, im Tod wird sie oft nur poetischer verpackt. Leb nicht für deinen Nachruf. Leb so, dass du dich selbst nicht verrätst, nur damit später Menschen schöne Sätze über eine Version von dir sagen, die du nie warst.

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