LifeArchitect.at Selbstführung beginnt, wo Selbstbetrug endet.

Es gibt zwei Arten von Erwachsenen: jene, die im Spielzeugregal ihre Restwürde bewachen, und jene, die lesen

Es gibt zwei Arten von Erwachsenen: jene, die im Spielzeugregal ihre Restwürde bewachen, und jene, die lesen können. Wenn da „Teste mich“ steht, dann ist das kein Vorschlag, Brunhilde, das ist ein Befehl mit Batteriefach.

Meine Frau und ich haben in dieser Sache eine klare, nicht verhandelbare Ethik. Wir sehen ein Spielzeug, auf dem „Teste mich“ steht, und dann wird getestet. Nicht zaghaft, nicht verschämt, nicht mit dieser traurigen Erwachsenenbewegung, bei der man so tut, als hätte man aus Versehen etwas berührt. Nein. Der Knopf wird gedrückt wie ein roter Alarm in einem Atomkraftwerk, nur mit mehr Plüsch und weniger internationaler Krise.

Besonders schön wird es, wenn kurz vorher eine dieser pädagogisch schwer bewaffneten Brunhilden ihrem Kind das Drücken verboten hat. Da steht dann dieses Kind vor einem blinkenden, singenden, wahrscheinlich komplett überteuerten Plastikmonster und hört den Satz, der jede Kindheit ein bisschen grauer macht: „Nein, das drücken wir jetzt nicht.“ Ach wirklich? Ein Knopf, der extra dafür gebaut wurde, gedrückt zu werden, darf nicht gedrückt werden? Faszinierend. Das ist, als würde man vor einer Klingel stehen und sagen: „Nein, wir respektieren heute die akustische Selbstbestimmung der Tür.“

Und genau in diesem Moment beginnt unsere heilige Pflicht. Wir sehen das enttäuschte Kind. Wir sehen Brunhilde, die den Laden offenbar mit einer Mischung aus Kasernenhofdisziplin und Elternabend-Machtfantasie kontrollieren will. Wir sehen den Knopf. Und dann passiert dieser kurze Blick zwischen meiner Frau und mir, dieser eheliche NATO-Bündnisfall der Albernheit. Niemand muss etwas sagen, weil wir beide wissen: Jetzt wird es laut.

Dann senkt sich der Finger. Nicht hektisch, nicht heimlich, sondern mit der Ruhe eines Menschen, der Geschichte schreibt. Das Spielzeug erwacht zum Leben, irgendein pinkes Einhorn brüllt ein Lied in die Abteilung, ein Roboter tanzt, ein Dinosaurier röchelt auf Englisch, und irgendwo verliert Brunhilde drei Jahre Lebenserwartung. Ihr Kind schaut plötzlich, als hätte es gerade erfahren, dass Gerechtigkeit doch existiert. Und wir stehen daneben wie zwei völlig unseriöse Schutzheilige der verbotenen Knöpfe.

Natürlich gibt es dann diese Leute, die sofort „kindisch“ denken, als wäre das ein medizinischer Befund. Diese Menschen haben irgendwann beschlossen, dass alles, was spontan Freude macht, automatisch falsch sein muss. Kindisch ist für sie kein Verhalten, sondern ein Verbrechen gegen die heilige Trostlosigkeit des Erwachsenseins. Komisch nur, dass dieselben Leute ihre emotionale Reife oft darin beweisen, sich von einem Plastiklama mit Soundchip persönlich angegriffen zu fühlen. Aber klar, wir sind das Problem.

Dabei ist „kindisch“ eines dieser Wörter, mit denen vertrocknete Erwachsene versuchen, Lebendigkeit zu beschämen. Sie sagen „kindisch“ und meinen eigentlich: „Ich habe mir selbst verboten, Spaß zu haben, und jetzt will ich nicht sehen, dass andere noch Zugriff darauf haben.“ Das ist kein moralischer Standpunkt, das ist ein seelischer Energiesparmodus mit schlechter Laune. Wer bei einem Spielzeugknopf sofort an Würdeverlust denkt, hat seine Würde vermutlich an einem sehr langweiligen Ort gelagert.

Natürlich sind wir alt genug, um es besser zu wissen. Genau das macht es ja so wichtig. Wir zahlen Rechnungen, kennen Termine, haben Rückenschmerzen an Stellen, die früher nicht einmal existiert haben, und wissen, dass Waschmaschinen entkalkt werden müssen. Gerade deshalb drücken wir verdammt nochmal auf diesen Knopf. Wer das Leben schon überlebt, darf sich wenigstens gelegentlich von einem batteriebetriebenen Faultier anschreien lassen.

Das Problem ist nicht der Knopf. Das Problem ist diese seltsame Erwachsenenkrankheit, bei der Menschen anfangen, Freude als Störung zu betrachten. Ein Kind will wissen, was passiert, wenn es drückt, und bekommt dafür ein Nein serviert, als hätte es gerade einen internationalen Zwischenfall vorbereitet. Erwachsene nennen das dann Erziehung. Manchmal ist es aber einfach nur der verzweifelte Versuch, die eigene innere Trockenheit an die nächste Generation weiterzuvererben.

Wir hingegen sehen uns nicht als Störenfriede. Wir sehen uns als Qualitätskontrolle. Wenn ein Hersteller „Teste mich“ auf die Verpackung schreibt, dann muss irgendwer prüfen, ob dieses Versprechen eingehalten wird. Vielleicht singt das Ding falsch. Vielleicht blinkt es aggressiv. Vielleicht macht es ein Geräusch, als hätte Satan ein Praktikum in der Produktentwicklung gemacht. Ohne uns würde die Gesellschaft solche Risiken ungeprüft hinnehmen.

Und ja, es kann sein, dass wir dabei ein bisschen zu begeistert sind. Es kann sein, dass wir nicht nur einmal drücken. Es kann sein, dass wir, wenn das Ding besonders dämlich klingt, noch einmal drücken müssen, rein wissenschaftlich natürlich. Man kann aus einem einzigen Knopfdruck keine belastbare Studie ableiten. Wer seriös testet, braucht Wiederholungen.

Am Ende geht es nicht darum, kindisch zu sein. Es geht darum, nicht so vollständig erwachsen zu werden, dass man bei jedem kleinen Funken Spaß sofort den inneren Hausmeister ruft. Manche Menschen bewachen ihre Würde wie einen Tresor, in dem am Ende nur Staub liegt. Wir drücken lieber den Knopf, lachen wie Idioten und gehen weiter. Lächerlich? Vielleicht. Aber immer noch besser, als im Spielzeugregal zu stehen und so zu tun, als wäre Freude eine Ordnungswidrigkeit.

Also ja: Wenn da „Teste mich“ steht, wird gedrückt. Wenn Brunhilde vorher Nein gesagt hat, wird mit besonderer Sorgfalt gedrückt. Nicht, weil wir böse sind, sondern weil irgendwer in diesem Laden noch an die Grundlagen der Zivilisation glauben muss. Ein Knopf ist zum Drücken da, ein Kind darf staunen, und Erwachsene, die darüber die Kontrolle verlieren, sollten vielleicht nicht das Spielzeugproblem lösen, sondern ihr eigenes.

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