Erwartungen sind diese kleinen inneren Verträge, die du abschließt, ohne dass die andere Person jemals unterschrieben hat. Du erwartest Verständnis, Loyalität, Dankbarkeit, Einsicht, Rücksicht, Liebe, Timing, Reife oder wenigstens ein Mindestmaß an Hirnaktivität. Und dann bist du beleidigt, wenn die Welt sich nicht an eine Vereinbarung hält, von der sie nie erfahren hat. Großartig. Du schreibst ein Drehbuch, verteilst Rollen im Kopf und bist dann schockiert, wenn die anderen ihren Text nicht können.
Besonders hübsch wird es in Beziehungen. Da erwartest du, dass der andere „doch merken müsste“, was du brauchst. Natürlich. Weil Menschen bekanntlich Gedanken lesen können, direkt nach dem Frühstück und vor dem ersten Kaffee. Du sagst nichts, erklärst nichts, sprichst nichts klar aus, aber innerlich läuft bereits die Gerichtsverhandlung, weil dein Partner deine unsichtbare Erwartung nicht erfüllt hat. Willkommen in der hohen Kunst der passiv-aggressiven Enttäuschungsproduktion.
Erwartung wird gefährlich, wenn du sie mit Anspruch verwechselst. Du darfst dir Dinge wünschen. Du darfst Standards haben. Du darfst Grenzen setzen. Aber wenn du glaubst, andere Menschen müssten sich automatisch nach deinem inneren Wunschzettel richten, dann bist du nicht sensibel, sondern kurz davor, dein eigenes kleines Königreich der Enttäuschung zu eröffnen. Eintritt frei, Ausgang schwer zu finden.
Das Gemeine ist: Erwartungen fühlen sich oft vernünftig an. „Ich erwarte doch nur Respekt.“ „Ich erwarte doch nur Ehrlichkeit.“ „Ich erwarte doch nur, dass man sich Mühe gibt.“ Ja, klingt alles wunderbar. Nur solltest du dann auch bereit sein, klar zu sagen, was das konkret bedeutet, statt später beleidigt mit einer emotionalen PowerPoint-Präsentation aufzutauchen, die niemand bestellt hat. Respekt ist kein exakt messbarer Gegenstand. Mühe auch nicht. Ehrlichkeit schon gar nicht, wenn jeder darunter etwas anderes versteht.
Und dann gibt es noch die Erwartungen an dich selbst. Die sind oft noch brutaler, weil du sie dir als „Anspruch“ verkaufst, obwohl sie manchmal nur Selbsthass im Businesshemd sind. Du erwartest, immer stark zu sein, immer zu funktionieren, immer richtig zu reagieren, immer sofort zu heilen, immer souverän zu bleiben. Sehr gesund. Fast so, als würdest du einen Menschen nehmen, ihn mit Druck übergießen und dich dann wundern, dass er irgendwann nach verbranntem Nervensystem riecht.
Der Ausweg ist nicht, keine Erwartungen mehr zu haben. Das ist wieder so ein spirituell betäubter Unsinn aus der Abteilung „Ich bin frei von allem, außer von meiner eigenen Verdrängung“. Der Ausweg ist Bewusstsein. Frag dich, welche Erwartungen du wirklich ausgesprochen hast. Welche realistisch sind. Welche aus alten Wunden kommen. Und welche du nur benutzt, damit du nicht direkt sagen musst, was du brauchst.
Am Ende ist Erwartung nicht dein Feind, wenn du sie klar benennst und erwachsen überprüfst. Sie wird dein Gegner, wenn du sie heimlich sammelst, innerlich auflädst und anderen dann vorwirfst, dass sie deine unsichtbaren Regeln gebrochen haben. Sag, was du willst. Prüf, was du brauchst. Setz Grenzen, wenn es nötig ist. Aber hör auf, Menschen für Verträge zu bestrafen, die nur in deinem Kopf unterschrieben wurden.
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