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Das ist schon eine herrliche Absurdität. Da läuft man durch den Supermarkt und das Produkt, das weniger nach

Das ist schon eine herrliche Absurdität. Da läuft man durch den Supermarkt und das Produkt, das weniger nach chemisch betreutem Überlebensmittel aussieht, braucht plötzlich eine Sonderkennzeichnung. Bio. Als wäre das die exotische Ausnahme. Als müsste man dem Apfel ein Zertifikat umhängen, weil er es gewagt hat, nicht komplett wie ein Laborprojekt mit Fruchtaroma daherzukommen.

Eigentlich müsste es umgekehrt sein. Nicht Bio sollte auffallen müssen, sondern alles, was davon abweicht. Stell dir mal vor, auf Verpackungen stünde nicht „Bio“, sondern „Konventionell mit allem, was halt gerade erlaubt ist“. Oder „Gewachsen unter Bedingungen, bei denen du lieber nicht zu viele Fragen stellst“. Oder mein Favorit: „Schmeckt nach Natur, kommt aber mit mehr Prozessschritten als deine letzte toxische Beziehung.“ Das wäre doch mal Transparenz.

Aber nein, natürlich kennzeichnen wir lieber das, was bewusster produziert wurde. Weil der moderne Mensch offenbar daran gewöhnt ist, dass das Normalere als Premium verkauft wird. Wasser ohne Geschmack? Premium. Brot ohne 27 Zusatzstoffe? Handwerk. Gemüse, das nicht aussieht wie ein genormter Plastik-Dekoartikel? Bio. Sehr schön. Bald steht auf einer Karotte noch „enthält Karotte“, und alle fühlen sich informiert.

Das eigentlich Kranke daran ist die Verschiebung der Wahrnehmung. Früher war Essen einfach Essen. Heute ist Essen entweder ein Marketingversprechen, ein Lifestyle-Statement oder ein Zutatenverzeichnis, das klingt, als hätte ein Chemielehrer im dritten Burnout einen Roman geschrieben. Und wenn etwas dann weniger industriell wirkt, bekommt es ein hübsches Label, kostet mehr und steht da wie ein Rebell im Regal. Eine Tomate mit Moralhintergrund.

Natürlich ist Bio nicht automatisch heilig. Nicht jeder Bio-Keks ist eine Gesundheitsentscheidung, nur weil er mit Dinkel und gutem Gewissen winkt. Auch Bio kann Marketing sein, auch Bio kann überteuert sein, und auch Bio schützt niemanden davor, sich völligen Schwachsinn schönzureden. Aber der Grundgedanke bleibt trotzdem absurd: Warum muss das, was näher an Natürlichkeit liegt, extra markiert werden, während der Rest einfach als Standard durchmarschiert?

Vielleicht wäre echte Ehrlichkeit im Supermarkt einfach zu brutal. Dann müssten wir nicht nur lesen, was drin ist, sondern auch, was alles gemacht wurde, damit es so aussieht, riecht, schmeckt und haltbar bleibt. Dann würde mancher Einkauf weniger nach Konsum und mehr nach Verhör aussehen. Und das will natürlich niemand. Der Kunde soll kaufen, nicht denken. Denken stört den Warenfluss.

Am Ende ist diese Bio-Kennzeichnung ein schönes Symbol für unsere Zeit. Nicht das Abweichende wird markiert, sondern das Ursprünglichere. Nicht der industrielle Wahnsinn muss sich erklären, sondern die Alternative. Und genau daran merkt man, wie weit wir schon sind: Wenn Natürlichkeit ein Sonderlabel braucht, ist vielleicht nicht das Bio-Produkt erklärungsbedürftig, sondern der ganze verdammte Rest.

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