Bei anderen Menschen gibt es „lange Rede, kurzer Sinn“. Bei meiner Frau gibt es „kurze Frage, epische Reise“. Du fragst sie, ob sie den Schlüssel gesehen hat, und 18 Minuten später weißt du, was ihre Oma 1997 beim Einkaufen gesagt hat, warum der Nachbar damals komisch geschaut hat und welche Farbe die Tasche hatte, die eigentlich gar nichts mit dem Schlüssel zu tun hat. Aber warte, der Schlüssel kommt noch. Vielleicht. Wenn wir die Nebenquest abgeschlossen haben.
Ich liebe das ja. Wirklich. Auch wenn mein innerer GenX-Prozessor zwischendurch verzweifelt versucht, einen roten Faden zu orten, als wäre er Indiana Jones auf der Suche nach dem Sinn des Satzes. Bei ihr ist Erzählen keine Informationsübertragung, sondern ein Erlebnispark. Du steigst ein, glaubst, du fährst direkt von A nach B, und plötzlich bist du auf einer Achterbahn durch Erinnerungen, Gefühle, Details, Menschen, Orte und „das muss ich dir noch schnell sagen“.
Und das Beste ist: Sie merkt es oft selbst nicht. Sie startet mit einer einfachen Aussage und irgendwo unterwegs öffnen sich Türen. Hinter jeder Tür steht eine weitere Geschichte mit einem kleinen Schild: „Nur kurz.“ Dieses „nur kurz“ ist natürlich gelogen. „Nur kurz“ ist bei ihr ungefähr so verbindlich wie „Ich schau nur schnell auf Facebook“ oder „Ich trink heute nur ein Bier“.
Aber genau das macht sie auch aus. Sie erzählt nicht, um schnell fertig zu werden. Sie erzählt, weil ihr Kopf Verbindungen sieht, die andere gar nicht bemerken. Wo ich trocken sagen würde: „Der Termin war okay“, baut sie daraus ein kleines menschliches Soziogramm mit Atmosphäre, Nebenfiguren und einer psychologischen Einschätzung der Kassiererin, die eigentlich nur zufällig im Hintergrund stand. Und ja, manchmal denke ich mir: Schatz, ich wollte nur wissen, ob wir noch Milch haben.
Trotzdem ist da etwas Schönes drin. Weil diese Art zu erzählen zeigt, dass sie Dinge wahrnimmt. Menschen, Stimmungen, Details, Zwischentöne. Während andere durch den Tag rennen wie ein schlecht programmierter Einkaufswagen mit Puls, sammelt sie die kleinen Dinge auf, die sonst keiner sieht. Und dann erzählt sie sie. Alle. Wirklich alle. Mit Bonusmaterial.
Natürlich sitze ich manchmal da und warte auf die Pointe wie ein alter Mann auf den Bus, der laut Fahrplan schon vor zehn Minuten hätte kommen sollen. Ich nicke, höre zu, verliere kurz den Überblick, finde ihn wieder, verliere ihn erneut und irgendwann frage ich vorsichtig: „Und was war jetzt nochmal der Punkt?“ Ein Anfängerfehler. Denn dann kommt die Zusammenfassung, und die hat natürlich auch wieder drei Seitenarme, einen Rückblick und ein alternatives Ende.
Aber am Ende ist genau das Liebe. Nicht, dass man sich immer versteht. Nicht, dass man denselben Erzählstil hat. Sondern dass man irgendwann begreift: Der andere funktioniert anders, und genau darin liegt ein Teil seines Charmes. Meine Frau macht aus „long story short“ eben „long story longer“. Und ich? Ich sitze daneben, grinse, verliere regelmäßig den Faden und weiß trotzdem: Genau diese Nachteule will ich in meinem Leben haben, mit allen Nebenquests, Zusatzkapiteln und diesem wunderbar endlosen Abspann.
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