LifeArchitect.at Selbstführung beginnt, wo Selbstbetrug endet.

Herzlichen Glückwunsch zu all den Dingen, die du angeblich hasst und trotzdem jeden Morgen neu

Herzlichen Glückwunsch zu all den Dingen, die du angeblich hasst und trotzdem jeden Morgen neu abonnierst.

Du hasst deinen Job, gehst aber seit sieben Jahren zuverlässig hin, als gäbe es am Ende eine goldene Urkunde für besonders ausdauerndes Leiden. Du beschwerst dich über deine Beziehung, führst aber jedes notwendige Gespräch ausschließlich unter der Dusche, wo dein Partner erstaunlicherweise nie anwesend ist. Du jammerst über deinen Körper, deine Finanzen und deine fehlende Zeit, während du abends drei Stunden lang fremden Menschen beim Tanzen, Kochen und Scheitern zusiehst. Aber selbstverständlich wählst du das alles nicht, du bist lediglich ein tragisches Opfer mit WLAN.

Natürlich hast du nicht jedes Problem verursacht. Krankheit, Verlust, Gewalt, wirtschaftliche Krisen und das rücksichtslose Verhalten anderer Menschen lassen sich nicht mit einem frechen Kalenderspruch wegdiskutieren. Aber zwischen „Ich habe mir das nicht ausgesucht“ und „Ich kann überhaupt nichts tun“ liegt ein verdammt großes Gebiet namens Verantwortung. Dort wird es allerdings unangenehm, weil keine Ausrede Parkplätze hat.

Menschen halten erstaunlich viel aus, solange Veränderung noch beängstigender wirkt als ihr aktuelles Elend. Sie bleiben lieber im bekannten Dreck sitzen, weil sie dort wenigstens wissen, an welcher Stelle es stinkt. Danach erklären sie ihren Stillstand zur Vernunft, ihre Angst zur Geduld und ihre Feigheit zu einem komplizierten inneren Prozess. Klingt reifer als „Ich traue mich nicht“, ändert aber genauso wenig.

Vielleicht sagst du dir, dass jetzt einfach nicht der richtige Zeitpunkt ist. Eine ausgezeichnete Strategie, denn der richtige Zeitpunkt ist bekanntlich ein mystisches Wesen, das nur bei Vollmond erscheint, dreimal klopft und dir einen vollständig ausgearbeiteten Lebensplan überreicht. Bis dahin kannst du weiter recherchieren, reflektieren, manifestieren und Podcasts darüber hören, wie andere Menschen Dinge tun. Aktivitätsgefühl ohne Aktivität ist schließlich die Lieblingsdroge der Selbstoptimierungsbranche.

Nicht entscheiden ist übrigens auch eine Entscheidung. Nicht gehen bedeutet bleiben, nicht sprechen bedeutet schweigen und nicht anfangen bedeutet, dass morgen dieselbe verdammte Geschichte mit einem neuen Datum auf dem Kalender läuft. Dein Leben wartet nicht respektvoll vor der Tür, bis du emotional sortiert, vollkommen motiviert und kosmisch freigegeben bist. Es läuft währenddessen weiter und verrechnet jeden aufgeschobenen Tag ohne Rückgaberecht.

Das Gemeine an Selbstverantwortung ist, dass sie dir deine Lieblingsschuldigen wegnimmt. Plötzlich reicht es nicht mehr, die Eltern, den Expartner, den Chef, die Gesellschaft, den Algorithmus oder den rückläufigen Merkur für dein derzeitiges Leben verantwortlich zu machen. Manche dieser Einflüsse sind real, aber sie können nicht ewig jede deiner heutigen Entscheidungen unterschreiben. Irgendwann bist du nicht mehr nur das Ergebnis dessen, was dir passiert ist, sondern auch dessen, was du weiterhin duldest.

Du musst nicht sofort dein gesamtes Leben niederbrennen und barfuß in Portugal eine Ziegenfarm eröffnen. Du musst nur aufhören, Stillstand als Schicksal zu verkleiden. Eine Grenze setzen, ein Gespräch führen, eine Bewerbung schreiben, einen Termin vereinbaren oder endlich mit der Aufgabe beginnen, die du seit Monaten wie eine radioaktive Kartoffel herumreichst. Veränderung ist selten spektakulär, aber sie beginnt immer dort, wo dein Gelaber endet.

Vielleicht ärgert dich dieser Text. Gut, denn dein Widerstand könnte genau der Teil von dir sein, der seit Jahren hervorragend darin ist, jede unbequeme Wahrheit in eine unpassende Formulierung umzuwandeln. Du brauchst keine weiteren sanften Hinweise, dass irgendwo tief in dir ein wundervolles Potenzial schlummert. Dein Potenzial schläft nicht, es wartet nur darauf, dass du aufhörst, es mit Ausreden zuzudecken.

Genau deshalb heißt mein Buch nicht „Umarme liebevoll deinen inneren Zauberfrosch“. Es heißt „Reiß dich mal zusammen, du Lappen!“, weil manchmal kein weiteres Verständnis fehlt, sondern ein ehrlicher Satz, der den Selbstbetrug unterbricht. Das Buch liefert keinen Motivationszirkus und verspricht dir auch kein neues Leben in sieben glitzernden Universumsbestellungen. Es zeigt dir, wie du aufhörst zu warten, deinen Kopf wieder führst und endlich tust, was getan werden muss.

Hol dir „Reiß dich mal zusammen, du Lappen!“, wenn du bereit bist, deine Ausreden nicht länger mit deiner Persönlichkeit zu verwechseln. Lies es nicht, wenn du nur bestätigt haben möchtest, dass alle anderen schuld sind und du leider absolut nichts ändern kannst. Dafür gibt es bereits genug Internet. Dieses Buch ist für Menschen, die begriffen haben, dass keiner kommt und dass genau darin ihre Freiheit liegt.

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