Nicht poetisch, nicht tiefgründig und auch nicht in einer ästhetischen Schwarzweißaufnahme am Fenster, sondern ganz profan, laut und mit dem ernsthaften Wunsch, den ganzen Laden für fünf Minuten zu schließen.
Meistens hasse ich dabei natürlich nicht mein gesamtes Leben. Ich hasse den Moment, die Situation, die Konsequenz einer Entscheidung oder die Tatsache, dass schon wieder etwas genau dann passiert, wenn ich ohnehin auf Reserve laufe. Aber „Ich hasse gerade diese konkrete Verkettung beschissener Umstände“ klingt emotional einfach nicht dramatisch genug. Also wird gleich das ganze Leben gekündigt.
Jeder kennt diese Tage. Der Kaffee schmeckt nach Enttäuschung, Menschen stellen Fragen, auf die sie die Antwort selbst finden könnten, und irgendeine Kleinigkeit bringt das innere Kartenhaus zum Einsturz. Dann steht man da und denkt: Großartig, genau dafür bin ich also erwachsen geworden. Früher durfte man wenigstens offiziell wegen eines verlorenen Spielzeugautos weinen.
Besonders hilfreich sind in solchen Momenten Menschen, die sofort mit Dankbarkeit, positiver Energie und Perspektivwechsel um die Ecke kommen. „Andere wären froh über dein Leben.“ Ja, Sybille, andere wären vermutlich auch froh über deine Küche, trotzdem darfst du genervt sein, wenn der Geschirrspüler brennt. Schmerz wird nicht ungültig, nur weil irgendwo jemand noch beschissener dran ist.
Du darfst dein Leben manchmal hassen. Du darfst erschöpft, wütend, enttäuscht und komplett satt von deinem eigenen Alltag sein. Gefühle sind kein Treueeid. Ein schlechter Moment bedeutet nicht, dass du undankbar bist oder dein gesamtes Leben falsch gebaut hast.
Problematisch wird es erst, wenn aus diesem Moment eine Identität wird. Wenn aus „Heute ist alles scheiße“ langsam „Mein Leben ist immer scheiße“ entsteht und daraus schließlich „Ich kann ohnehin nichts ändern“. Dann ist der Frust nicht mehr nur ein Gefühl, sondern die offizielle Regierungserklärung deines Kopfes. Und dein innerer Lappen bekommt endlich wieder ein Ministerium.
Denn manchmal hasst du dein Leben nicht, weil es grundsätzlich schlecht ist. Manchmal hasst du es, weil du seit Monaten Dinge vermeidest, Grenzen nicht setzt und Entscheidungen verschiebst. Du sagst Ja, obwohl du Nein meinst, bleibst, obwohl du gehen willst, und hoffst, dass dein Leben irgendwann aus Mitleid die Richtung wechselt. Tut es nicht.
Die unangenehme Wahrheit lautet: Du musst nicht jeden Tag lieben, aber du solltest irgendwann wieder Verantwortung für ihn übernehmen. Du darfst fluchen, jammern und kurz alles zum Teufel wünschen. Danach musst du trotzdem entscheiden, ob du weiter auf denselben Knopf drückst und dich über dasselbe Ergebnis wunderst. Selbstmitleid ist als Zwischenstopp erlaubt, als Wohnadresse wird es irgendwann peinlich.
Genau deshalb gibt es „Reiß dich mal zusammen, du Lappen!“. Nicht damit du Gefühle wegdrückst und grinsend durch die Scheiße marschierst, sondern damit du unterscheiden lernst, wann das Leben gerade hart ist und wann du selbst zuverlässig daran mitarbeitest. Das Buch streichelt dich nicht, aber es tritt auch nicht auf dich ein. Es erinnert dich nur daran, dass du dein Leben manchmal hassen darfst, ohne es deshalb komplett aufzugeben.
Vielleicht ist dein Leben nicht kaputt. Vielleicht braucht es nur weniger Drama, weniger Ausreden und eine ehrlichere Entscheidung darüber, was du jetzt als Nächstes tust.
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lifearchitect.at/ • Selbstführung beginnt, wo Selbstbetrug endet





