Natürlich hättest du damals alles besser gemacht. Mit dem Wissen von heute, der Erfahrung von heute und der sicheren Entfernung von heute. Das ist ungefähr so beeindruckend, wie nach dem Fußballspiel zu erklären, welchen Elfmeter man selbstverständlich gehalten hätte. Rückblickend sind wir alle Genies, besonders wenn nichts mehr auf dem Spiel steht.
Du hast damals mit dem entschieden, was du damals wusstest, konntest und emotional ausgehalten hast. Nicht mit deiner heutigen Klarheit, nicht mit deinen späteren Erkenntnissen und schon gar nicht mit dem Wissen, das erst durch die Folgen deiner Entscheidung entstanden ist. Trotzdem legt der Mensch seinem früheren Ich gern nachträglich eine Prüfung vor, deren Fragen damals noch gar nicht existierten. Klingt fair, zumindest wenn man sich selbst unbedingt weiter fertigmachen möchte.
Das Leben wird vorwärts gelebt und rückwärts verstanden. Das ist kein poetischer Spruch für eine Wandtattoo-Sammlung, sondern eine ziemlich brutale Tatsache. Erst gehst du durch die Scheiße, dann verstehst du, warum sie gestunken hat. Andersherum wäre angenehmer, aber das Leben betreibt offenbar keinen Kundenservice für vorausschauende Komplettlösungen.
Du konntest damals nicht wissen, wie jemand wirklich tickt, bevor er es dir gezeigt hat. Du konntest nicht wissen, welche Grenze du brauchst, bevor sie jemand überschritten hat. Du konntest nicht wissen, wie sehr dich etwas verändern würde, bevor du mittendrin standest. Erfahrung ist nun einmal Wissen, das meistens erst geliefert wird, nachdem du den Preis bezahlt hast.
Trotzdem sitzen Menschen Jahre später da und verprügeln ihr früheres Ich mit heutigen Erkenntnissen. „Wie konnte ich nur?“ Ganz einfach: Du konntest, weil du damals noch nicht wusstest, was du heute weißt. Herzlichen Glückwunsch, der Fall ist gelöst, Sherlock darf jetzt endlich nach Hause gehen.
Der eigentliche Selbstbetrug beginnt dort, wo du Selbstbestrafung als Reflexion verkaufst. Du analysierst dieselbe alte Entscheidung zum zweihundertsten Mal und erklärst dir, du würdest noch etwas verarbeiten. Dabei lernst du längst nichts mehr, du betreibst nur emotionale Wiederholungsfolter mit intellektuellem Anstrich. Das ist kein Wachstum, das ist Selbstmitleid im Business-Casual-Look.
Natürlich sollst du Verantwortung übernehmen. Fehler schönzureden wäre genauso dämlich, wie sie ewig als Waffe gegen dich zu benutzen. Du darfst sagen: „Das war falsch, naiv oder feige.“ Danach solltest du aber auch sagen: „Heute weiß ich es besser, also handle ich heute anders.“
Dein früheres Ich braucht kein Tribunal. Es braucht die Anerkennung, dass es mit begrenztem Wissen irgendwie bis hierher gekommen ist. Vielleicht unbeholfen, vielleicht mit ein paar spektakulären Fehlentscheidungen, aber immerhin weit genug, damit du heute klüger darüber reden kannst. Ohne diesen Menschen von damals gäbe es deinen heutigen Durchblick nämlich überhaupt nicht.
Also hör auf, dich dafür fertigzumachen, dass du eine Lektion nicht vor dem Unterricht verstanden hast. Nimm das Wissen, das du teuer genug bezahlt hast, und benutze es endlich. Sonst war nicht deine damalige Entscheidung der größte Fehler. Der größte Fehler wäre, heute alles besser zu wissen und trotzdem weiter im alten Elend sitzen zu bleiben.
Genau darum geht es in „Reiß dich mal zusammen, du Lappen!“. Nicht darum, dich noch härter zu bestrafen, sondern dich endlich wieder zu führen, statt alte Fehler als Dauerabo für Selbstmitleid zu benutzen. Das Buch ist kein Streichelzoo und kein weiterer Ratgeber, den du verständnisvoll nickend ins Regal stellst. Es ist ein Spiegel für Menschen, die aufhören wollen, sich intelligent herauszureden.
Hol dir das Buch hier und mach aus deiner Vergangenheit endlich Erfahrung statt Identität:
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