Dieser Satz klingt erstmal schön, so nach Kindergartenpädagogik mit Duftkerze. „Sei nett und einfach du selbst.“ Als wäre das kein Widerspruch, sondern eine liebevolle Anleitung fürs Leben. Nur leider ist „nett“ oft nicht das, was Menschen meinen, wenn sie es sagen. Sie meinen meistens: Sei bitte so, dass ich mich mit dir wohlfühle. Sei ehrlich, aber nicht zu ehrlich. Sei authentisch, aber bitte in einer Version, die niemandem auf den Teppich kotzt.
Denn „du selbst sein“ ist selten nur weich, angenehm und gesellschaftlich handzahm. Manchmal ist dein echtes Selbst direkt. Manchmal unbequem. Manchmal laut, manchmal still, manchmal liebevoll, manchmal scharf wie ein rostiges Küchenmesser in der Bestecklade deiner Geduld. Wenn du wirklich du selbst bist, wirst du nicht immer nett wirken. Und wenn du ständig nett sein musst, wirst du vermutlich nicht immer du selbst sein. Willkommen im kleinen Widerspruchsbingo des sozialen Zusammenlebens.
Nett sein wird gerne als Tugend verkauft, ist aber oft nur Dressur mit freundlichem Gesicht. Nett heißt dann: Schluck runter. Sag nichts. Mach keinen Stress. Sei pflegeleicht. Lass andere mit ihrem Blödsinn durchkommen, damit die Stimmung nicht kippt. Sehr edel. So entstehen dann Menschen, die nach außen lächeln und innerlich schon seit 2008 eine brennende Mülltonne durch ihr Nervensystem schieben.
Natürlich ist Freundlichkeit nichts Schlechtes. Man muss nicht jeden Menschen direkt mit Klartext aus dem Raum treten, nur weil man heute besonders authentisch atmet. Aber echte Freundlichkeit kommt aus Freiheit, nicht aus Angst. Sie ist eine Entscheidung, keine Überlebensstrategie. Wenn du nett bist, weil du niemanden enttäuschen willst, ist das keine Güte. Das ist ein Angstreflex mit besserer Erziehung.
„Sei du selbst“ bedeutet also nicht: Benimm dich wie ein emotionaler Unfall und nenn es Echtheit. Es bedeutet auch nicht: Sei so nett, dass von dir am Ende nur noch eine höfliche Tapete übrig bleibt. Es bedeutet: Kenne dich gut genug, um zu wissen, wann Freundlichkeit echt ist und wann sie nur wieder deine alte Feigheit mit Lippenstift spielt. Das ist der Unterschied, den viele nicht hören wollen, weil er ihnen die hübsche Ausrede klaut.
Am Ende wäre der ehrlichere Satz vielleicht: „Sei du selbst, aber übernimm Verantwortung dafür.“ Sei klar, ohne unnötig grausam zu werden. Sei freundlich, ohne dich selbst zu verraten. Sei ehrlich, ohne deine Unreife als Authentizität zu verkaufen. Und wenn jemand von dir verlangt, immer nett zu sein, damit er dich aushält, dann bist du vielleicht nicht zu viel. Vielleicht bist du nur nicht mehr bereit, dich auf Zimmertemperatur runterzukühlen.
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