Heute bin ich über eine Frage gestolpert, die überall geteilt wird: „Wenn du nur für einen Tag in den Himmel gehen könntest, nach wem würdest du als Erstes suchen?“ Eine dieser Fragen, die sofort Bilder auslöst. Wiedersehen. Umarmungen. Gespräche, die man nie führen konnte. Und dieses tiefe Ziehen im Bauch, weil da jemand fehlt.
Mein erster Gedanke war ein anderer.
Wenn es so etwas wie den Himmel wirklich gibt, nicht nur als Metapher, sondern als „Ort“, dann macht dieses Suchen eigentlich keinen Sinn. Der Gedanke, jemanden dort finden zu müssen, setzt voraus, dass wir getrennt sind. Dass da oben jeder irgendwo ist und man sich erst durch eine Art kosmischen Raum bewegen muss, um Nähe herzustellen. Das ist ein sehr irdisches Bild von Beziehung. So denken wir hier unten. In Körpern. In Entfernungen. In Wegen, die man zurücklegt.
Wenn man das Konzept von Einheit ernst nimmt, dann wären wir dort nicht getrennt. Dann gäbe es kein „Du dort, ich hier“. Dann gäbe es kein Verlieren und kein Wiederfinden im räumlichen Sinn. Dann wäre Verbundenheit kein Ziel, sondern ein Zustand. Etwas, das nicht hergestellt werden muss, weil es nie wirklich weg war.
Was wir mit dieser Frage eigentlich meinen, ist ja etwas anderes. Wir sehnen uns nach Verbindung. Nach diesem Gefühl, jemandem noch einmal nahe zu sein. Nach dem Trost, dass der Kontakt nicht endgültig abgebrochen ist. Und diese Sehnsucht projizieren wir in die Vorstellung eines Ortes, den wir Himmel nennen. Als müssten wir dorthin reisen, um wieder in Beziehung zu treten.
Dabei braucht es dafür keinen Ort.
Wenn du an jemanden denkst, den du verloren hast, ist diese Person nicht einfach „weg“. Die Erinnerung ist da. Die Wirkung, die dieser Mensch auf dein Leben hatte, ist da. Die Art, wie er dich geprägt hat, lebt in dir weiter. Verbindung ist kein physischer Vorgang. Sie ist ein innerer Zustand. Präsenz im Erleben, nicht im Raum.
Und dann kam mir noch ein Gedanke, der mir persönlich hilft, diesen Schmerz von Trennung etwas anders zu betrachten. Der Gedanke über Zeit.
Zeit, so wie wir sie hier erleben, gibt es in dieser Form nur hier. Wir messen in Tagen, Jahren, Jahrzehnten. Wir empfinden Warten als lang, Abschied als endgültig, weil unser Erleben linear ist. Aber was, wenn dieses Zeitgefühl nur ein irdisches Konstrukt ist?
Manchmal stelle ich mir vor, ein Erdenleben wäre nur ein einziger Tag. 24 Stunden. Ein kompletter Zyklus. Geburt am Morgen, Leben über den Tag verteilt, Tod irgendwann zwischendrin. Wenn ich dann an meinen verstorbenen Vater denke, kommt mir dieser Gedanke: Vielleicht ist er kurz vor Mittag gegangen. Und ich komme am Abend „nach Hause“. Für ihn vergeht zwischen diesen Momenten kein langes Warten. Für ihn ist es kein endloses Vermissen. Nur für mich liegen da Jahre dazwischen, weil ich die Zeit hier anders erlebe.
Das ändert nichts am Schmerz.
Aber es verändert den Blick darauf.
Plötzlich fühlt sich das „Getrenntsein“ weniger endgültig an. Weniger wie ein für immer. Mehr wie ein zeitversetztes Wiedersehen. Nicht in einem Ort, sondern in einem Zustand jenseits unserer gewohnten Vorstellung von Zeit.
Und vielleicht ist genau das der Punkt.
Wir müssen nirgendwohin reisen, um verbunden zu sein.
Nicht in den Himmel.
Nicht in eine andere Welt.
Verbindung ist kein Ort.
Sie ist ein Erleben.
Und das ist im Hier und Jetzt genauso real wie in jeder Vorstellung von „danach“.
Wolfgang +43 676 900 1845
My work → https://lifearchitect.at/bio/
Support my content: Like. Share. Follow.
or buy me a beer: https://paypal.me/wkamper





