Stell dir das kurz ernsthaft vor: Du wachst morgen auf – und niemand erzählt dir mehr, dass mit dir „etwas nicht stimmt“. Kein „Du bist traumatisiert“, kein „Du musst erst heilen“, kein „Du bist noch nicht so weit“. Einfach nur: Du bist ein Mensch. Mit Geschichte. Mit Mustern. Mit Stärken. Mit Schwächen. Aber nicht krank per Default.
Was würde passieren?
Ich glaube, als Erstes würden viele Menschen nervös werden. Weil „Ich muss mich heilen“ ein verdammt bequemes Konzept ist. Es gibt dir eine Erklärung für alles – und gleichzeitig eine Entschuldigung fürs Warten. Solange du „noch am Heilen“ bist, musst du keine Entscheidung treffen. Du musst keine Grenze setzen. Du musst keine Verantwortung übernehmen. Du kannst dich im „Ich bin noch nicht fertig“ einrichten, wie in einem Wartezimmer, in dem nie deine Nummer aufgerufen wird.
Und dann passiert noch etwas Schräges: Wir tun kollektiv so, als wären wir alle grundsätzlich beschädigt. Als wäre „normal“ gleich „krank“. Als wäre Leben ohne Etikett nicht gültig. Und plötzlich beginnt jeder, in sich zu suchen – nicht nach Klarheit, sondern nach Defekten. Nicht nach dem, was funktioniert, sondern nach dem nächsten Grund, warum es gerade nicht geht.
Das Verrückte ist: Viele nennen das dann „Selbstliebe“.
Dabei ist es oft das Gegenteil.
Es ist Selbstmisstrauen in hübscher Verpackung. Es ist der Glaube, dass du erst „repariert“ werden musst, bevor du leben darfst. Und dieser Glaube macht dich klein. Er hält dich in der Rolle des Patienten, auch wenn du längst einfach nur ein Mensch bist, der lernen muss, besser zu denken und besser zu handeln.
Versteh mich richtig: Natürlich gibt es echte Verletzungen. Natürlich gibt es Trauma. Natürlich gibt es Phasen, in denen du Hilfe brauchst. Das ist real. Aber daraus zu machen, dass jeder Mensch grundsätzlich „heilungsbedürftig“ ist, ist eine kollektive Verrücktheit. Weil es das Leben selbst pathologisiert.
Was wäre die Alternative?
Nicht „Ich bin geheilt“. Sondern: „Ich übernehme Verantwortung.“
Nicht „Ich muss erst…“. Sondern: „Ich fange an.“
Nicht „Ich bin kaputt“. Sondern: „Ich habe Muster, und ich kann sie ändern.“
Denn am Ende ist „Heilung“ oft nur ein anderes Wort für: aufhören, sich selbst zu belügen. Aufhören, sich zu verstecken. Aufhören, das eigene Leben aufzuschieben.
Vielleicht wäre die Welt leiser, wenn Menschen sich nicht mehr einreden lassen würden, dass sie krank sind. Vielleicht gäbe es weniger Selbstoptimierungs-Wahnsinn und mehr echte Selbstführung. Weniger „Arbeit an mir“ als Ausrede – und mehr klare Entscheidungen im echten Leben.
Und vielleicht ist genau das der Punkt: Du brauchst nicht noch eine Diagnose. Du brauchst einen klaren Blick. Und den Mut, danach zu handeln.
Wolfgang +43 676 900 1845
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