Manchmal braucht es einen 13-jährigen Buben, um eine Frage zu stellen, an der Erwachsene seit Jahrtausenden herumphilosophieren. Und das Schöne daran ist: Er wollte vermutlich gar nicht besonders tiefgründig sein, er wollte einfach wissen, warum wir im Schlaf jedes Gefühl für Zeit verlieren.
Ich blieb bei diesem Video von Rupert Spira zuerst aus einem völlig anderen Grund hängen. Die Stimme des Fragenden klang für mich nach einer sehr jungen Person, wahrscheinlich noch nach einem Kind, und ich bemerkte, wie Spira darauf reagierte. Kein herablassendes „Ich erkläre dir jetzt einmal die Welt, junger Mann“, kein pädagogisch weichgekochtes Blabla, sondern Zeit, Ruhe und echte Aufmerksamkeit. Er behandelte die Frage nicht wie eine Kinderfrage, sondern wie eine Frage, die eine vernünftige Antwort verdient.
Erst später las ich in der Beschreibung, dass der Fragende ein 13-jähriger Bub war. Und spätestens da dachte ich mir: Was für eine mächtige Frage, völlig egal, ob sie von einem Dreizehnjährigen, einem Philosophieprofessor oder von jemandem kommt, der um drei Uhr morgens zu lange an die Zimmerdecke gestarrt hat. Das Video findet man hier: https://www.youtube.com/watch?v=LjDhov4p6Sg. Ich hätte vermutlich weitergescrollt, wenn die Frage nicht so verdammt harmlos geklungen hätte.
„Warum verlieren wir im Schlaf unser Gefühl für Zeit?“ Klingt zunächst nach etwas, das man schnell mit Gehirnaktivität, Schlafphasen und einer hübschen Grafik erledigen könnte. Spira macht aber etwas anderes: Er nimmt die Frage ernst und beginnt nicht beim Schlaf, sondern bei der Zeit selbst. Und da wird aus einer scheinbar einfachen Frage ziemlich schnell eine, bei der unser alltägliches Weltbild ein wenig nervös auf dem Stuhl herumrutscht.
Wir stellen uns Zeit normalerweise wie eine Linie vor. Hinter uns liegt ein riesiger Raum namens Vergangenheit, vor uns erstreckt sich ein ebenso beeindruckender Raum namens Zukunft, und irgendwo dazwischen klemmt dieses winzige Ding namens Gegenwart. Das erscheint uns derart selbstverständlich, dass wir kaum noch bemerken, dass es zunächst einmal ein Modell unseres Denkens ist. Also stellt Spira eine fast kindisch einfache Frage: Kannst du die Gegenwart verlassen und tatsächlich in die Vergangenheit gehen?
Natürlich kannst du an gestern denken. Du kannst dich an dein Frühstück erinnern, an deinen ersten Kuss, an irgendeine peinliche Szene aus 1998, die dein Gehirn aus ungeklärten Gründen bis heute in hervorragender Bildqualität archiviert hat. Aber die Erinnerung selbst findet nicht 1998 statt. Sie erscheint genau jetzt in deinem Bewusstsein, während du irgendwo sitzt und dich darüber wunderst, warum dein Gehirn ausgerechnet diesen Schwachsinn aufgehoben hat.
Mit der Zukunft funktioniert dasselbe Theater in die andere Richtung. Wir können planen, rechnen, hoffen, befürchten und uns bereits heute wegen eines Gespräches aufregen, das nächste Woche vielleicht völlig anders stattfinden wird. Unser Kopf besitzt die faszinierende Fähigkeit, den Körper an einem ruhigen Sonntag auf einen Donnerstag reagieren zu lassen, der noch nicht einmal existiert. Evolutionär vermutlich beeindruckend, für die Lebensqualität gelegentlich eher mittelprächtig.
Dann kommt eine Frage, die zunächst fast albern klingt: Wie viele „Jetzt“ hast du in deinem Leben erlebt? Man ist versucht, irgendeine astronomische Zahl zu nennen, schließlich sind ja ziemlich viele Sekunden vergangen. Aber wann genau war irgendeiner dieser Augenblicke für dich nicht jetzt? Als du fünf warst, war es jetzt, dein erster Schultag war jetzt, dein schlimmster Liebeskummer war jetzt, und falls du morgen früh aufwachst, wirst du nicht in der Zukunft erwachen, sondern erneut in diesem verdammten Jetzt.
Der Inhalt verändert sich ununterbrochen, das ist offensichtlich. Menschen tauchen auf und verschwinden wieder, Beziehungen beginnen und enden, Überzeugungen zerbröseln, der Körper wird älter und irgendwann entwickelt man echte Begeisterung für Dinge wie gute Matratzen und funktionierende Knie. Aber all diese Veränderungen werden immer an derselben Stelle erlebt. Nicht gestern, nicht morgen, sondern jetzt.
Spira zieht daraus eine deutlich größere philosophische Schlussfolgerung: Zeit sei nicht etwas, das wir unmittelbar erfahren, sondern etwas, das entsteht, wenn Wirklichkeit durch unseren Verstand wahrgenommen wird. In der längeren Version benutzt er dafür das Bild einer orangefarbenen Skibrille. Wenn du lange genug durch orange Gläser schaust und irgendwann vergisst, dass du eine Brille trägst, erscheint dir der Schnee orange, und irgendwann hältst du die Färbung des Glases für eine Eigenschaft des Schnees. Sein Gedanke ist, vereinfacht gesagt, dass Raum und Zeit möglicherweise mehr mit unserer Art der Wahrnehmung zu tun haben als mit der Wirklichkeit an sich.
Das ist eine gewaltige metaphysische Behauptung, und nein, daraus wird keine wissenschaftliche Tatsache, nur weil sie elegant formuliert ist. Philosophie ist nicht automatisch Physik, Bewusstsein ist ein verdammt schwieriges Thema, und bei großen Aussagen über die Beschaffenheit der Realität sollte man geistig besser beide Hände am Lenkrad behalten. Aber einen Gedanken muss man nicht sofort heiraten, um mit ihm einen interessanten Abend verbringen zu können. Und dieser hier ist verdammt interessant.
Denn plötzlich bekommt die ursprüngliche Frage des Jungen eine völlig andere Dimension. Du schläfst ein, laut Uhr vergehen sechs, sieben oder acht Stunden, und dann wachst du auf. Subjektiv hast du diese acht Stunden nicht abgesessen wie in einem schlecht belüfteten Wartezimmer, Minute 247 inklusive. Zwischen Einschlafen und Aufwachen kann sich schlicht nichts befinden, zumindest nichts, was du als vergehende Zeit wahrgenommen hast.
Spira sagt sinngemäß: Wenn der Geist im tiefen Schlaf nicht in jener Form präsent ist, in der er unsere Erfahrung in Vergangenheit und Zukunft strukturiert, verschwindet damit auch das scheinbare Erleben von Zeit. Man schläft ein und wacht, aus der eigenen unmittelbaren Perspektive betrachtet, gewissermaßen wieder „jetzt“ auf. Ob man seiner gesamten nondualen Philosophie bis zum Ende folgt, ist dabei für mich gar nicht der entscheidende Punkt. Mich interessiert vielmehr, was dieser Gedanke über unser ganz normales waches Leben verrät.
Denn wir benutzen Vergangenheit und Zukunft nicht nur, um uns in der Welt zu orientieren. Wir benutzen sie hervorragend, um der Gegenwart auszuweichen. Wir können heute unter etwas leiden, das seit zwanzig Jahren vorbei ist, und gleichzeitig Angst vor etwas haben, das vielleicht niemals eintreten wird. Damit gelingt uns das kleine Kunststück, sowohl von gestern als auch von morgen beschäftigt zu werden, während der einzige Moment, in dem tatsächlich etwas verändert werden könnte, unbeaufsichtigt herumsteht.
Besonders sympathisch ist unser Verhältnis zur Zukunft. Dort wohnt nämlich eine bemerkenswert beeindruckende Version von uns selbst. Dieser zukünftige Mensch wird Sport machen, Grenzen setzen, endlich das schwierige Gespräch führen, den Job wechseln, das Projekt beginnen, weniger trinken, besser schlafen und vermutlich nebenbei noch emotional vollkommen ausgeglichen sein. Ein sensationeller Typ, dieser zukünftige Mensch, nur hat er ein logistisches Problem: Sobald seine Zukunft ankommt, heißt sie wieder Gegenwart und plötzlich muss derselbe alte Trottel tatsächlich etwas tun.
Vielleicht ist genau deshalb „später“ eines unserer beliebtesten Wörter. Später ist wunderbar, weil später keine Konsequenz verlangt. Man kann dort ganze Leben renovieren, Beziehungen reparieren, Bücher schreiben, Entscheidungen treffen und sich in Gedanken zu einer erstaunlich beeindruckenden Persönlichkeit entwickeln. Die Gegenwart ist wesentlich unhöflicher, denn sie möchte wissen, was davon du jetzt tatsächlich machst.
Und nein, daraus muss man nicht den nächsten „Lebe nur im Jetzt“-Kalenderspruch basteln. Vergangenheit ist wichtig, weil Erinnerung Lernen ermöglicht, und Zukunft ist wichtig, weil Planung ohne sie ungefähr so erfolgreich wäre wie Autofahren ausschließlich im Rückspiegel. Wir brauchen beides. Problematisch wird es nur, wenn wir unsere geistigen Konstruktionen über gestern und morgen für wichtiger halten als den einzigen Moment, in dem unser Leben gerade tatsächlich stattfindet.
Vielleicht war es genau deshalb diese Kinderstimme, die mich bei dem Video gehalten hat. Kinder können Fragen stellen, die Erwachsene irgendwann nicht mehr stellen, weil wir gelernt haben, das Selbstverständliche nicht mehr anzufassen. Wir wissen, was Zeit ist, bis jemand fragt, ob wir sie jemals erlebt haben. Wir wissen, was Vergangenheit und Zukunft sind, bis jemand wissen möchte, ob wir jemals dort gewesen sind.
Und plötzlich ist das scheinbar Selbstverständliche gar nicht mehr so selbstverständlich.
Ich weiß nicht, ob Rupert Spira mit seiner Sicht auf Zeit recht hat. Ich weiß auch nicht, ob Zeit außerhalb unseres Geistes genau so existiert, ganz anders existiert oder ob wir bei solchen Fragen irgendwann schlicht an die Grenzen dessen stoßen, was ein menschliches Gehirn über seine eigene Wahrnehmung sagen kann. Aber ich mag Gedanken, die nicht sofort Antworten liefern, sondern etwas viel Wertvolleres tun: Sie beschädigen für einen Moment unsere Gewissheit.
Vielleicht ist das die eigentliche Stärke dieser Frage eines 13-jährigen Buben. Nicht, dass sie uns erklärt, was Zeit ist, sondern dass sie sichtbar macht, wie selbstverständlich wir mit einem Begriff hantieren, dessen tatsächliche Erfahrung erstaunlich schwer zu greifen ist. Und während wir noch darüber nachdenken, ist wieder etwas passiert, das zuverlässig jedes Mal passiert. Es ist immer noch jetzt.
Und genau da wird aus Philosophie irgendwann eine ziemlich unangenehme Frage an das eigene Leben: Wenn du tatsächlich immer nur jetzt handeln kannst, wie oft hast du dieses Jetzt schon mit „später“ vertauscht? Wie viele Dinge sind nicht deshalb liegen geblieben, weil dir Zeit gefehlt hat, sondern weil dein Kopf einen hervorragend klingenden Grund gefunden hat, heute noch nicht anzufangen? Vergangenheit kann erklären, Zukunft kann Hoffnung machen, aber Ausreden funktionieren erstaunlicherweise ausschließlich in der Gegenwart.
Genau darum geht es auch in meinem Buch „Reiß dich mal zusammen, du Lappen!“. Nicht darum, dich für jede Schwäche zusammenzuscheißen oder irgendeinen toxischen Durchhalteporno zu feiern, sondern darum, die feine Linie zwischen einem echten Grund und einer sehr gut formulierten Selbstverarschung wieder zu erkennen. Falls du beim Lesen dieses Textes gerade an etwas gedacht hast, das du „irgendwann“ tun, klären, beenden oder beginnen willst, dann könnte das Buch unangenehm gut passen: https://lappen.lifearchitect.at
Denn vielleicht fehlt dir nicht noch mehr Zeit.
Vielleicht fehlt dir nur der Moment, an dem du aufhörst, auf einen besseren zu warten.
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