LifeArchitect.at Selbstführung beginnt, wo Selbstbetrug endet.

Man kennt diese Texte. Angeblich geht es um einen anderen Menschen, um Erinnerung, Dankbarkeit, Geburtstag,

Man kennt diese Texte. Angeblich geht es um einen anderen Menschen, um Erinnerung, Dankbarkeit, Geburtstag, Todestag oder irgendeinen emotionalen Anlass. Nach drei Absätzen weißt du aber vor allem, wie erfolgreich, entwickelt, glücklich, berufen, lichtvoll und unfassbar beeindruckend die Person ist, die den Text geschrieben hat. Der Mensch, um den es angeblich geht, kommt irgendwo zwischen Selbstverwirklichung und Eigenwerbung noch einmal kurz vor.

Das ist schon eine besondere Kunstform. Einen Nachruf schreiben und dabei selbst mehr Screentime bekommen als der Verstorbene. Andere schaffen das nicht einmal bei ihrer eigenen Geburtstagsrede.

Besonders schön wird es, wenn die Erinnerung plötzlich zur persönlichen Heldengeschichte mutiert. „Danke, dass es dich gab“ verwandelt sich ganz geschmeidig in „Schau, was ich alles aus meinem Leben gemacht habe“. Zack, aus Trauer wird Transformation, aus Erinnerung wird Erfolgsbilanz und aus dem Toten wird rückwirkend der Statist im eigenen Entwicklungsroman.

Natürlich darf man in einem persönlichen Text über sich selbst sprechen. Beziehungen bestehen schließlich aus gemeinsamer Geschichte, und Trauer erzählt immer auch etwas über den Menschen, der zurückbleibt. Wenn aber sechzig Prozent eines Textes erklären, wie großartig das eigene Leben geworden ist, könnte man irgendwann vorsichtig vermuten, dass hier nicht nur erinnert wird.

Dann wird kuratiert.

Denn manche Menschen erzählen ihr Leben nicht einfach. Sie verwalten ihre öffentliche Wahrnehmung. Jeder Text wird zur Gelegenheit, das gewünschte Bild nachzulackieren, bis die Außenwirkung ungefähr so natürlich aussieht wie ein Immobilienprospekt bei Sonnenuntergang.

Das Spannende daran ist nicht einmal die Selbstdarstellung selbst. Die machen wir alle bis zu einem gewissen Grad. Interessant wird es dort, wo offenbar kein Anlass mehr heilig genug ist, um einmal nicht als Bühne für die eigene Marke zu dienen.

Geburtstagswunsch? Gelegenheit zur Selbstpositionierung.

Jahrestag? Perfekt für die eigene Lebensbilanz.

Nachruf? Hervorragend, da lässt sich Tragik wunderbar mit persönlicher Größe kombinieren.

Am besten noch mit Website darunter, ein paar beruflichen Schlagworten und passenden Hashtags. Denn Erinnerung ist schön, aber Reichweite ist schließlich auch nicht schlecht.

Und weil ein eigener Account offenbar manchmal nicht genügend Gravitas besitzt, kommt die Königsdisziplin: Man nutzt zusätzlich den Account des Partners. Besonders hübsch wirkt das, wenn dort irgendein offizieller Titel vor dem Namen steht. Dr., Mag., Dipl.-Ing. oder sonst etwas, das beim flüchtigen Scrollen nach Kompetenz riecht.

Plötzlich bekommt dieselbe Botschaft einen Hauch institutioneller Seriosität. Inhaltlich wird aus Esoterik durch einen Dipl.-Ing. zwar noch keine Ingenieurswissenschaft, aber Facebook liest schließlich keine Peer Reviews. Hauptsache, der Absender sieht aus, als könnte er im Zweifelsfall eine Brücke berechnen.

Noch schöner ist natürlich, wenn dieser Partneraccount anschließend zustimmend kommentiert. Idealerweise mit Herzchen. Dann hat man die eigene Botschaft veröffentlicht, über einen zweiten seriöser wirkenden Absender verstärkt und bekommt von genau diesem System auch noch öffentlich Zustimmung zurück.

Das ist quasi emotionales Qualitätsmanagement im geschlossenen Kreislauf.

Und wenn der Beitrag dann noch durch diverse Gruppen getragen wird, beginnt das Ganze endgültig nach Kampagne auszusehen. Ein persönlicher Gedenktext, der plötzlich Reichweitenstrategie bekommt, ist schon ein interessantes Kommunikationsphänomen. Irgendwo zwischen „Ich möchte erinnern“ und „Bitte möglichst viele Menschen sollen sehen, wie ich erinnere“ liegt nämlich ein ziemlich großer Unterschied.

Genau deshalb lohnt es sich, bei solchen Texten weniger auf die großen Worte und mehr auf die Struktur zu achten. Wer kommt tatsächlich vor? Wer bekommt Raum? Wessen Geschichte wird erzählt und wem nützt die Erzählung am Ende am meisten?

Denn Menschen verraten erstaunlich viel darüber, wie sie sich selbst sehen wollen, wenn sie angeblich über andere sprechen. Manche können einem anderen Menschen zwei Seiten widmen, ohne sich selbst darin zu verlieren. Andere schaffen es nicht einmal bei einem Nachruf, fünf Minuten lang nicht Mittelpunkt ihrer eigenen Mythologie zu sein.

Und nein, das beweist nicht automatisch, dass alles gelogen ist. Es kann echte Trauer geben und trotzdem Selbstinszenierung. Echte Erinnerung und trotzdem Markenpflege.

Menschen sind schließlich komplex.

Nur sollte man irgendwann vielleicht aufhören, jeden persönlichen Anlass zur Pressekonferenz über das eigene fantastische Leben umzubauen. Wer ständig erklären muss, wie glücklich, erfolgreich, berufen und erfüllt er ist, erzeugt irgendwann eine ganz andere Frage als die gewünschte.

Warum muss das eigentlich so oft gesagt werden?

Menschen, die wirklich sicher in ihrem Leben stehen, brauchen erstaunlich wenig öffentliche Beweisführung. Ein gutes Leben hat keine dauerhafte PR-Abteilung nötig. Und echte Erinnerung braucht keinen akademischen Leihwagen, um seriöser auszusehen.

Vielleicht ist das die einfachste Form von Authentizität. Wenn du über jemanden schreibst, schreib über ihn. Wenn du trauerst, trauere. Wenn du stolz auf dich bist, sag es ruhig.

Aber hör auf, fremde Geburtstage, Todesfälle und Lebensgeschichten wie Bühnenbilder für deine eigene Imagekampagne zu benutzen.

Sonst ist irgendwann nicht mehr klar, ob du Menschen erinnerst.

Oder nur dafür sorgst, dass niemand dich vergisst.

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