Das Internet ist voll von Karma, „what comes around goes around“, Universums-Bumerang und Instant-Gerechtigkeit in hübschen Schriftarten. Und ganz ehrlich, ich habe das über Jahrzehnte genauso gesehen, übernommen, weitergetragen, nie groß hinterfragt, weil es sich gut anfühlt, wenn man glaubt, dass am Ende eh alles fair ausgeht. Bis ich mich irgendwann wirklich mit dem Prinzip Karma beschäftigt habe, weil mir der Begriff einfach viel zu inflationär wurde und plötzlich alles und jeder „karmisch“ war, sobald es gerade ins Narrativ passte.
Was dabei fast immer unterschlagen wird, ist der entscheidende Punkt:
In den klassischen Lehren spielt die ABSICHT hinter einer Handlung eine zentrale Rolle.
Nicht nur was du tust, sondern warum du es tust.
Und genau deshalb ist dieses ganze Gerede von „unbewusstem Karma“, das dich angeblich aus heiterem Himmel trifft, im Kern eine schiefe Konstruktion, weil Karma eben nicht als magische Strafe für irgendwas gedacht ist, das du gar nicht beabsichtigt hast, sondern als ethische Logik von Handeln plus Motivation.
Dann gibt es diese Formulierungen aus manchen Kreisen, die mich heute echt schlucken lassen, weil ich sie selbst viel zu lange mitgeredet habe. „Karmisch korrekt“ zum Beispiel. Als Erklärung für eigentlich eh alles. Jemand verletzt sich, wird krank, hat einen Schicksalsschlag, eine Trennung, einen Unfall, eine Krise, und dann kommt ernsthaft: „karmisch korrekt, hätte er mal sein Karma gelöscht.“ Und ich höre mich von früher fast schon selber sagen: Ja, stimmt wohl, ich wusste es nicht besser, habe es nie hinterfragt, war vermutlich auch einfach… karmisch korrekt. Wtf.
Und wenn du das Ganze dann noch spirituell aufmotzt, mit unsichtbaren Energien, Feldern, Frequenzen, „Clearing“, Ritualen, die angeblich karmische Ursachen löschen oder umschreiben können, dann ist das Verkaufspaket fertig. Denn das klingt wie die perfekte Abkürzung: Unsichtbare Unterstützung bei der Aufarbeitung meiner Vergangenheit, wer will das denn nicht. Viele Suchende nehmen das mit Handkuss, weil es Hoffnung gibt, ohne dass man sofort durch die unangenehmen Teile muss: Grenzen setzen, Muster erkennen, Verantwortung übernehmen, Verhalten ändern, Beziehungen neu lernen.
Das Problem ist nur: Wenn Karma plötzlich als Allzweck-Erklärung herhalten darf, wird es unfalsifizierbar. Passiert etwas Gutes, Karma. Passiert etwas Schlechtes, Karma. Und wenn du widersprichst, dann war dein Widerspruch eben auch Karma. So wird aus einem ursprünglichen Verantwortungsprinzip ein bequemes Deutungs-Tool, das Menschen einordnet, bewertet und oft auch beschämt. Karma ist dann nicht mehr Ethik, sondern Etikett, und das Etikett verkauft Programme.
Ich sehe Karma heute nüchterner: Handlungen und Absichten haben Folgen, manchmal sichtbar, manchmal zeitverzögert, oft ganz banal über Beziehungen, Vertrauen, Charakter und Gewohnheiten. Kein kosmischer Retourenservice, kein „karmisch korrekt“ als Totschlagargument, und ganz sicher kein Reset-Button, den dir jemand gegen Geld als Technik beibringt. Wenn du wirklich etwas verändern willst, dann nicht durch Löschen, sondern durch Lernen, Üben und ehrliches Hinschauen, auch wenn es nicht so sexy klingt wie ein Ritual mit unsichtbarer Energie.
Wolfgang
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