LifeArchitect.at Selbstführung beginnt, wo Selbstbetrug endet.

Ich weiß, das ist revolutionär in einer Gesellschaft, in der jeder mit WLAN plötzlich Experte für

Ich weiß, das ist revolutionär in einer Gesellschaft, in der jeder mit WLAN plötzlich Experte für Psychologie, Beziehungen, Weltpolitik und die Innenwelt fremder Menschen ist.

Wir leben in einer Zeit, in der „keine Ahnung“ offenbar als intellektuelle Bankrotterklärung gilt. Dabei ist es meistens das Ehrlichste, was ein Mensch sagen kann. Aber nein, wir haben eine Kultur gebaut, in der jeder zu allem sofort etwas sagen muss, weil Stille ja gefährlich ist und Demut anscheinend nicht gut performt. Also wird geraten, gedeutet, analysiert und bewertet, bis aus einem halben Informationsfitzel eine komplette Wahrheitsoper zusammengebastelt wird.

Gerade im Coaching ist das ein Punkt, an dem man sehr schnell erkennt, wer sauber arbeitet und wer einfach nur heiße Luft mit Selbstbewusstsein verkauft. Wenn ein Klient fragt: „Warum macht er oder sie das?“, also über den Partner, die Freundin, den Nachbarn, die Mutter oder irgendeinen abwesenden Menschen spricht, dann gibt es manchmal nur eine seriöse Antwort: „Keine Ahnung.“ Ich kann diese Person nicht fragen. Ich kenne die Hintergründe nicht. Ich habe eine einseitige Erzählung, einen Ausschnitt, ein emotional gefärbtes Bild und keine verdammte Glaskugel im Schrank.

Natürlich könnte ich jetzt irgendeine Meldung aus dem Hut ziehen. „Das ist sein bindungsvermeidendes Muster.“ „Sie projiziert ihre Schattenanteile.“ „Der Nachbar spiegelt deine unterdrückte Vaterwunde.“ Klingt tief, klingt wichtig, klingt nach Rechnung mit Seminarraumduft. Ist aber oft nur intellektuell verkleidetes Raten. Und Raten wird nicht seriöser, nur weil man es mit Fachbegriffen oder spirituellem Lametta behängt.

Ich war lange genug in einem System, in dem abwesende Menschen aufgrund einseitiger Geschichten von A bis Z fernanalysiert wurden. Natürlich immer mit der praktischen Diagnose: „Der muss in unser Programm, sonst ist er verloren.“ Da kommt mir heute noch fast der Kakao meiner Erstkommunion hoch, wenn ich daran denke, dass ich diesen Schwachsinn einmal mitgetragen habe. Nicht, weil ich heute so moralisch erhaben bin, sondern weil ich inzwischen verstanden habe, wie gefährlich es ist, wenn Menschen ihre Spekulationen für Wahrheit halten.

Das ist der Punkt, an dem gesellschaftlich etwas gründlich schiefgelaufen ist. Wir verwechseln Meinung mit Kompetenz, Lautstärke mit Klarheit und Selbstsicherheit mit Wahrheit. Jemand sagt etwas überzeugend, und schon nicken alle, als hätte gerade der Orakelrat von Delphi gesprochen. Dabei kann auch ein selbstbewusster Mensch komplett danebenliegen. Überraschung: Selbstbewusstsein ist kein Qualitätszertifikat, sondern manchmal nur Größenwahn mit guter Körperhaltung.

Und ja, erschreckend: Ein Coach kann sagen, dass er etwas nicht weiß. Ich bin verdammt gut darin, Menschen ihre Ausreden aus dem Kopf zu hämmern. Ich kann Muster erkennen, Fragen stellen, Widersprüche sichtbar machen und jemandem den Spiegel so hinhalten, dass er nicht mehr elegant daran vorbeilächeln kann. Aber es gibt Dinge, die ich nicht weiß. Entweder noch nicht, oder nie, weil sie mich zu wenig interessieren oder weil mir schlicht die Informationen fehlen.

Dieses permanente Meinenmüssen ist kein Zeichen von Intelligenz. Es ist oft nur Angst, nicht wichtig zu wirken. Ein reifer Mensch kann eine Wissenslücke aushalten, ohne sie sofort mit Bullshit zu tapezieren. Ein unreifer Mensch dagegen braucht zu allem eine Erklärung, weil Nichtwissen sein Ego beleidigt. Und dann wird aus Unsicherheit eben Analyse, aus Projektion wird Menschenkenntnis und aus Halbwissen wird Content.

Vielleicht wäre die Welt schon ein Stück weniger bescheuert, wenn mehr Menschen sagen würden: „Da kenne ich mich zu wenig aus.“ Oder: „Damit habe ich mich nicht beschäftigt.“ Oder ganz schlicht: „Boah, Alter, keine Ahnung.“ Das ist keine Schwäche. Das ist geistige Hygiene. Und davon könnten wir gesellschaftlich gerade mehr gebrauchen als den nächsten Meinungsmüll aus der Sofaritze des Internets.

Am Ende ist Wahrheit manchmal nicht die große Erkenntnis, sondern die Weigerung, Mist zu erfinden. Wer wirklich helfen will, muss nicht alles wissen. Er muss nur ehrlich genug sein, nicht so zu tun als ob. Der Rest ist Show. Und Show haben wir nun wirklich genug.

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