Ich behaupte nicht, dass es Leid, Verletzungen oder tiefgreifende Erfahrungen nicht gibt.
Was ich infrage stelle, ist die Schlussfolgerung, dass du deshalb dauerhaft reparaturbedürftig bist.
Mir fällt auf, dass in der Coaching-, Persönlichkeitsentwicklungs- und spirituellen Szene fast alles über denselben Begriff verkauft wird: Heilung.
Heilung deiner Wunden. Heilung deines inneren Kindes. Heilung deiner Vergangenheit. Kaum ein Angebot kommt ohne dieses Wort aus. Und je länger ich das beobachte, desto deutlicher wird mir die unausgesprochene Grundannahme dahinter: Dass mit dem Menschen vor mir etwas grundsätzlich nicht stimmt.
Als wäre Menschsein an sich ein Defizit.
Als müssten Zweifel, Angst, Überforderung oder Orientierungslosigkeit repariert werden, statt verstanden. Viele Menschen fühlen sich nicht krank, bis man ihnen erklärt, dass sie es seien. Erst dann beginnt diese endlose Suche nach Heilung.
Könnte es nicht einfach sein, dass du nicht kaputt bist?
Könnte es nicht sein, dass du dich angepasst hast.
An Erwartungen, die nie deine waren.
An Rollen, die du übernommen hast, um dazuzugehören.
An Systeme, die Sicherheit versprechen, solange du funktionierst, und subtilen Druck ausüben, sobald du beginnst, eigene Entscheidungen zu treffen.
Könnte es nicht sein, dass vieles von dem, was heute als „Aufarbeiten“ verkauft wird, in Wahrheit ein permanentes Zurückgehen ist. Ein Wiederholen, ein Analysieren, ein endloses Durchkauen von Vergangenem, ohne je wirklich im Jetzt anzukommen. Nicht, weil du nicht bereit bist, sondern weil Rückschau oft einfacher ist als Verantwortung im Moment.
Könnte es nicht sein, dass Begriffe wie „Karma löschen“, „Blockaden bereinigen“, „Energie klären“, „Programme auflösen“ oder „Frequenzen anheben“ weniger über dich aussagen, als über ein Geschäftsmodell, das davon lebt, dir einzureden, dass etwas Grundlegendes mit dir nicht stimmt. Etwas, das du selbst nicht erkennen, geschweige denn lösen kannst, sondern für das du immer wieder jemanden brauchst, der es für dich tut.
Und lass mich hier ganz klar sein.
Ich behaupte nicht, dass Traumata nicht real sind.
Ich behaupte nicht, dass es Leid, Verletzungen oder tiefgreifende Erfahrungen nicht gibt. Diese Dinge existieren. Sie prägen. Sie wirken nach.
Was ich infrage stelle, ist die Erzählung, dass du deshalb dauerhaft reparaturbedürftig bist.
Denn vieles von dem, was weiter wirkt, tut das nicht, weil es „nicht geheilt“ wurde, sondern weil du heute noch Entscheidungen aus alten Mustern triffst. Aus Anpassung. Aus Angst vor Verlust. Aus Loyalität zu Erwartungen, die längst überholt sind. Aus Rollen, die einmal Schutz boten, aber heute Enge erzeugen.
Könnte es also nicht sein, dass du weniger Heilung brauchst und mehr Klarheit darüber, wer gerade entscheidet, wenn du Ja sagst, obwohl alles in dir Nein schreit. Dass es weniger um Vergangenheitsarbeit geht und mehr darum, im Jetzt zu erkennen, wo du dich selbst verlässt, um passend zu bleiben.
Vielleicht geht es gar nicht darum, immer tiefer zu graben, immer mehr zu lösen, immer weiter zurückzugehen. Vielleicht ist genau das Teil des Problems.
Vielleicht geht es darum, stehen zu bleiben. Hier. Jetzt.
Hinsehen, ohne spirituelle Umwege.
Und Verantwortung dorthin zurückzuholen, wo sie hingehört.
Nicht um ein besseres Selbst zu erschaffen.
Nicht um etwas zu bereinigen oder zu löschen.
Sondern darum, deine innere Autorität nicht länger abzugeben.
Wolfgang +43 676 900 1845
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