Manche Lebensweisheiten kommen aus 300-Seiten-Büchern. Andere kleben in einem Glückskeks, den dir eine Dreijährige in die Hand drückt, bevor sie selbstverständlich den essbaren Teil übernimmt.
Heute hat mir meine Nichte einen Glückskeks gebracht. Ich habe ihn natürlich geöffnet, sie hat ihn gegessen, und damit war die Rollenverteilung zwischen Onkel und Dreijähriger sauber geklärt. Ich bekomme die Philosophie, sie den Zucker. So funktioniert Familie vermutlich deutlich besser als manche Managementstruktur.
Auf dem kleinen Zettel stand: „Bewahren Sie sich Ihren Humor.“ Ich musste lachen. Nicht, weil der Satz besonders revolutionär wäre, sondern weil er ausgerechnet heute von einem Glückskeks kam, geliefert von einem kleinen Menschen, der vermutlich noch nicht einmal weiß, was „bewahren“ bedeutet. Und trotzdem hat mich dieser Satz mehr erwischt als einiges von dem hochintellektuellen Selbstoptimierungsgerümpel, das uns täglich erklärt, wie wir endlich bessere Menschen werden.
Denn Humor ist nicht bloß Unterhaltung. Humor ist manchmal das letzte Stück geistige Freiheit, wenn das Leben wieder beschließt, seine Comedy-Abteilung ohne Vorwarnung auf dich loszulassen. Du kannst nicht alles kontrollieren, du kannst nicht jede Enttäuschung verhindern und du kannst schon gar nicht dafür sorgen, dass sich andere Menschen endlich vernünftig benehmen. Aber du kannst entscheiden, ob du jeden absurden Moment zum persönlichen Weltuntergang erklärst oder irgendwann sagst: Das ist jetzt dermaßen bescheuert, dass ich wenigstens darüber lachen werde.
Wir nehmen uns ohnehin viel zu ernst. Jeder Fehler wird analysiert, jede falsche Entscheidung bekommt eine psychologische Sonderkommission und jedes unangenehme Gefühl muss sofort irgendwo „aufgelöst“ werden. Vielleicht darf man gelegentlich auch einfach feststellen, dass man Mist gebaut hat, darüber lachen und beim nächsten Mal weniger Mist bauen. Das Leben ist schließlich kein Bewerbungsgespräch, bei dem permanent jemand deine persönliche Entwicklung benotet.
Humor heißt dabei nicht, Probleme wegzulachen. Es heißt auch nicht, Schmerz kleinzureden oder alles mit einem blöden Spruch zuzuschütten. Guter Humor schafft Abstand, und Abstand kann manchmal genau das sein, was du brauchst, damit dein Kopf nicht aus jedem kleinen Scheiß eine Netflix-Serie mit acht Staffeln produziert. Wer über sich selbst lachen kann, verliert nicht seine Würde, sondern meistens nur ein bisschen unnötiges Drama.
Vielleicht ist genau deshalb Humor für mich so wichtig. Er schützt davor, sich selbst zum Mittelpunkt eines kosmischen Dramas zu erklären, nur weil Dienstag war und irgendetwas nicht funktioniert hat. Er erinnert dich daran, dass du gleichzeitig völlig ernsthafte Probleme haben und trotzdem über den Irrsinn des Ganzen lachen kannst. Diese beiden Dinge schließen sich nicht aus, auch wenn die professionelle Betroffenheitsindustrie uns das gelegentlich gern glauben machen möchte.
Und dann sitzt da diese kleine Dreijährige, mampft völlig zufrieden meinen Glückskeks und hat keine Ahnung, dass sie ihrem Onkel gerade einen verdammt guten Satz geliefert hat. Keine Lebensberatung, keine Masterclass, kein Retreat für 1.997 Euro mit Frühbucherrabatt und Klangschale. Nur ein Kind, ein Keks und eine Nachricht, die wahrscheinlich genau deshalb hängenbleibt, weil sie so banal ist.
Also gut, kleine Nichte. Nachricht angekommen.
Ich bewahre mir meinen Humor.
Versprochen.
Und falls ich irgendwann anfange, mich selbst und diesen ganzen Zirkus hier zu ernst zu nehmen, bring mir einfach wieder einen Glückskeks. Du darfst ihn selbstverständlich wieder essen.
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