Heute erreiche ich Level 4.9. Kein Geburtstag, kein sentimentaler Kerzenzirkus, sondern ein weiterer freigeschalteter Abschnitt in einem Spiel, das leider ohne Respawn läuft.
Erstaunlich ist weniger die Zahl, sondern dass ich bei meinem Lebenswandel überhaupt noch mitspiele. Irgendwo muss das Universum wohl kurz weggesehen haben, vielleicht war der Endgegner rauchen oder mein Charakter hat heimlich den Skill „zu stur zum Abtreten“ freigeschaltet. Jedenfalls bin ich noch da. Mit schwarzem Humor, zu vielen Gedanken und einer deutlich sinkenden Toleranz für Selbstbetrug in hübscher Geschenkverpackung.
Ich zähle keine Jahre. Jahre klingen nach Verfall, Versicherungspost und Menschen, die dir sagen, man werde ruhiger. Wird man nicht unbedingt. Manche werden nur älter und bleiben innerlich trotzdem ein schlecht gewarteter Einkaufswagen mit WLAN. Ich nenne es Level, weil das ehrlicher ist. Du lernst, du scheiterst, du kassierst Schaden, du findest neue Werkzeuge und hoffst, dass du beim nächsten Bosskampf nicht wieder dieselbe dumme Entscheidung triffst.
Meine Bücher waren schon da, bevor Social Media gemerkt hat, dass meine Texte offenbar mehr können, als nur meine eigene Kommentarspalte zu belästigen. Ich habe geschrieben, weil Themen rausmussten: Disziplin, mentale Führung, Authentizität, Beziehung, Fake-Gurus, Selbstverantwortung und dieser ganze unbequeme Kram, den viele Menschen lieber mit einem Motivationsspruch überkleben. Das waren keine Produkte aus einem Algorithmus-Labor. Das war Material aus Leben, Beobachtung, Fehlern, Schmerz, Humor und der leisen Erkenntnis, dass weichgespültes Selbstoptimierungsgewäsch ungefähr so hilfreich ist wie ein Regenschirm aus Klopapier.
Irgendwann haben die Texte dann angefangen, draußen Lärm zu machen. Inzwischen über 2 Millionen Reichweite pro Monat und mehr als 6.500 Menschen, die diesem Wahnsinn freiwillig folgen. Das ist entweder ein gutes Zeichen oder ein Beweis dafür, dass sehr viele Leute langsam genug haben von Coaching-Gesäusel, spirituellem Wattebausch und „Du bist perfekt, mach nur weiter so“-Betäubungsmitteln. Vielleicht brauchen Menschen doch keine weiteren Beruhigungstabletten in Satzform. Vielleicht brauchen sie manchmal einen Text, der erst lustig ist und dann heimlich die Ausrede aus der Hand schlägt.
Und ja, ich liefere viel davon kostenlos. Texte, Gedanken, Reibung, Sarkasmus, Spiegel, Tritte, Ohrfeigen mit Satzbau und gelegentlich einen freundlichen Schlag gegen den inneren Schweinehund. Ich mache das gern, sonst würde ich es nicht machen. Aber dieses romantische Märchen, dass Kreative, Autoren und Selbstständige nur von Applaus, Reichweite und „fühl ich“-Kommentaren leben, ist auch wieder so ein schöner Unsinn aus der Abteilung „Menschen, die noch nie eine Rechnung bezahlt haben“. Der Stromanbieter nimmt keine Screenshots von begeisterten Reaktionen. Ich habe nachgesehen. Sehr enttäuschend.
Deshalb baue ich bei vielen Texten Werbung für meine Bücher, mein Workbook, meine Sitzungen oder meine Projekte ein. Skandal. Ein Mensch arbeitet, liefert Mehrwert und möchte nicht ausschließlich mit digitalem Schulterklopfen vergütet werden. Wer meine Texte feiert, darf sie natürlich einfach genießen. Aber wenn nie jemand kauft, teilt, empfiehlt oder unterstützt, dann bleibt am Ende von der ganzen Begeisterung nur ein schönes Echo im leeren Raum. Und Echo zahlt kein Bier.
Dann gibt es noch Funstuff.at, mein Sarkasmus-Baby. Der Teil meines kleinen Universums, der sich gedacht hat: Wenn die Welt schon absurd ist, können wir wenigstens passende Shirts dazu drucken. Sätze auf Stoff, für Menschen, die Haltung mögen, aber keine Lust haben, sie in dreistündigen Diskussionen mit Leuten zu erklären, die schon beim Lesen überfordert sind. Funstuff ist keine Weltrettung. Aber manchmal reicht ein gutes Shirt, um einen Raum ehrlicher zu machen als zehn Smalltalk-Gespräche mit Leuten, die „man darf ja nichts mehr sagen“ sagen und dann genau das Gegenteil beweisen.
Level 4.9 ist für mich deshalb kein „Bitte gratuliert mir alle“-Altar. Wer mir gratulieren will, darf das natürlich machen. Ich freue mich über Worte, klar. Aber noch mehr freue ich mich, wenn meine Texte geteilt werden, wenn meine Bücher und Projekte weitergetragen werden, wenn jemand meine Arbeit empfiehlt oder wenn jemand virtuell mit mir anstoßen will und mir direkt ein Bier zahlt. Glückwünsche sind nett. Support ist ehrlicher.
Alles, was ich schreibe, mache, anbiete, verkaufe oder sarkastisch in die Welt werfe, findest du hier:
https://lifearchitect.at/bio/
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lifearchitect.at/ • Selbstführung beginnt, wo Selbstbetrug endet.





