Ich hab diesen Spruch gelesen:
„Früher hat man uns nicht zum Psychiater gebracht. Eine Ohrfeige hat gereicht, um die Chakren zu öffnen, das Karma zu stabilisieren und die Aura zu reinigen.“
Und ja, ich musste lachen.
Weil das natürlich völliger Schwachsinn ist.
Und gleichzeitig trifft es einen Nerv.
Nein, ich verherrliche keine Ohrfeigen. Entspann dich. Gewalt war auch damals nicht „pädagogisch wertvoll“. Aber was wir hatten und was heute irgendwie Mangelware ist, war Klarheit.
Wir sind in einer Zeit groß geworden, in der „Nein“ noch ein vollständiger Satz war. Kein Gesprächseinstieg. Kein Stimmungsbarometer. Kein demokratisches Projekt. Einfach: Nein.
Heute wird mit Dreijährigen über die richtige emotionale Flughöhe diskutiert, bevor sie ihre Schuhe anziehen. Und wenn ein Zwanzigjähriger Kritik bekommt, braucht er erst mal eine Woche Selfcare, drei Podcasts und einen Workshop über toxische Strukturen.
Ich übertreibe? Vielleicht.
Aber nur ein bisschen.
Irgendwann haben wir beschlossen, dass jedes unangenehme Gefühl sofort verarbeitet werden muss. Dass Frustration gefährlich ist. Dass Grenzen potenziell traumatisierend sind. Und jetzt sitzen wir da mit einer Generation, die perfekt über Gefühle sprechen kann, aber bei Gegenwind sofort die Segel einholt.
Wir, zwischen Telefonzelle und Smartphone aufgewachsen, hatten keine Triggerwarnung vor dem Leben. Das Leben selbst war die Triggerwarnung. Und ja, manches war zu hart. Aber wir haben gelernt, dass die Welt sich nicht ständig um unser Innenleben dreht.
Heute heißt es schnell „toxisch“, wenn jemand einfach nur direkt ist.
„Trauma“, wenn es eigentlich um Widerspruch geht.
„Selbstfürsorge“, wenn man schlicht keinen Bock hat.
Und bevor das jetzt falsch verstanden wird: Ich finde es gut, dass wir sensibler geworden sind. Wirklich. Nur haben wir irgendwo auf dem Weg Sensibilität mit Zerbrechlichkeit verwechselt.
Was fehlt, ist keine Ohrfeige.
Die Zeiten der „pädagogischen Handkantentechnik“ dürfen gern im Museum bleiben.
Was fehlt, ist Rückgrat. Und das ist deutlich schwerer zu trainieren als die Hand.
Was fehlt, sind ruhige Erwachsene, die nicht bei jedem Widerstand innerlich zerbröseln.
Menschen, die „Nein“ sagen können, ohne danach eine PowerPoint über die emotionale Begründung zu liefern.
Weniger Daueranalyse von Befindlichkeiten.
Mehr Stabilität im Auftreten.
Weniger „Wie fühlt sich das für dich an?“
Mehr „So machen wir das.“
Vielleicht war die Ohrfeige nie der legendäre „Chakrenausgleich“.
Aber die Botschaft dahinter war eindeutig: Es gibt Grenzen. Und die gelten.
Und genau diese Art von Klarheit, ohne Gewalt, ohne Drama, ohne Therapie-Sprech, könnten wir heute ganz gut gebrauchen.
Wolfgang +43 676 900 1845
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