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Das Wort klingt herrlich wissenschaftlich. Es trägt weißen Kittel, spricht mit ernster Stimme und vermittelt

Das Wort klingt herrlich wissenschaftlich. Es trägt weißen Kittel, spricht mit ernster Stimme und vermittelt sofort Kompetenz, obwohl eigentlich nur eine persönliche Einschätzung im Raum steht. Statt zu sagen „Ich halte ihn für schwierig“, „Sie wirkt auf mich manipulativ“ oder „Dieses Verhalten irritiert mich“, sagt man eben: „Der ist undiagnostiziert.“ Und plötzlich fühlt sich Meinung an wie Befund.

Sprachlich ist das natürlich ein kleines Kunstwerk. „Undiagnostiziert“ bedeutet zunächst schlicht, dass keine Diagnose gestellt wurde. Daraus folgt nicht automatisch, dass eine bestimmte Diagnose vorhanden ist und lediglich noch ein Arzt fehlt, der das Formular unterschreibt. Aber diese winzige logische Lücke stört moderne Küchentischpsychiatrie ungefähr so sehr wie Fakten eine gute Facebook-Diskussion.

Besonders beliebt wird das Wort, wenn man jemanden nicht mag. Dann ist er nicht einfach egoistisch, rücksichtslos, anstrengend, widersprüchlich oder vielleicht schlicht ein Arschloch. Nein, nein. Das wäre viel zu profan. Heute braucht selbst Unsympathie ein klinisches Etikett.

Also wird aus „Er hört anderen kaum zu“ schnell „undiagnostiziert narzisstisch“. Aus „Sie hat starke Stimmungsschwankungen“ wird irgendetwas mit Persönlichkeit. Aus „Der Typ verhält sich seltsam“ entsteht innerhalb von drei Kommentaren eine komplette psychiatrische Fallkonferenz, moderiert von Menschen, deren medizinische Ausbildung vermutlich aus Reels, Podcasts und fünf Infografiken besteht.

Das Faszinierende daran ist nicht einmal die Ahnungslosigkeit. Menschen versuchen nun einmal, Verhalten einzuordnen, das ist völlig normal. Problematisch wird es dort, wo aus einer Beobachtung eine vermeintliche Gewissheit wird und das Wort „undiagnostiziert“ diese Gewissheit nachträglich seriös verkleidet. Es ist die sprachliche Version von: „Meine persönliche Analyse muss eigentlich nur noch von einem Facharzt bestätigt werden.“

Dabei ist eine echte Diagnose etwas ziemlich anderes als ein Bauchgefühl mit Fachbegriffen. Sie verlangt Kriterien, Kontext, Verlauf, Differentialdiagnosen und eine qualifizierte Beurteilung. Ein einzelnes Verhalten beweist keine Persönlichkeitsstörung, und drei unangenehme Eigenschaften ergeben noch keinen ICD-Eintrag. Menschen sind komplizierter als TikTok-Checklisten, auch wenn das für die Kommentarspalte natürlich bedauerlich ist.

Noch schöner wird es, wenn die angeblich „undiagnostizierte“ Person gar nicht untersucht werden möchte. Das spielt allerdings keine Rolle, denn das Internet hat längst beschlossen, dass Privatsphäre bei psychischen Diagnosen lediglich eine unverbindliche Empfehlung ist. Wer jemanden kennt, mit ihm gestritten hat oder ihm zwei Jahre auf Instagram gefolgt ist, besitzt offenbar bereits ausreichend Datenmaterial für eine fachgerechte Fernbegutachtung. Freud wäre neidisch gewesen; der brauchte wenigstens noch ein Sofa.

Natürlich können Menschen tatsächlich psychische Erkrankungen oder Störungen haben, die noch nicht diagnostiziert wurden. Das ist überhaupt nicht der Punkt. Der Denkfehler beginnt dort, wo jemand von außen bereits festlegt, welche Diagnose vorliegen müsse, und das fehlende Gutachten nur noch als administratives Detail behandelt. „Undiagnostiziert“ wird dann nicht mehr als offener Zustand verwendet, sondern als rhetorischer Stempel.

Man kann Verhalten übrigens auch kritisieren, ohne einen Menschen klinisch umzubauen. Man kann sagen: „Das war manipulativ.“ Man kann sagen: „Dieses Verhalten überschreitet meine Grenzen.“ Man kann jemanden für arrogant, unfair, kontrollierend oder respektlos halten, ohne daraus eine psychiatrische Identität zu basteln. Das hat sogar einen Vorteil: Man muss sich mit dem konkreten Verhalten beschäftigen, statt die Person hinter einem Etikett verschwinden zu lassen.

Vielleicht ist genau das der Grund, warum Diagnosen als Beleidigungsersatz so attraktiv geworden sind. Ein Verhalten kann diskutiert werden. Eine zugeschriebene Störung dagegen klingt endgültig. Sie verleiht dem eigenen Urteil Autorität und erklärt gleichzeitig den anderen zum Problemfall.

Und „undiagnostiziert“ setzt dem Ganzen die Krone auf.

Denn damit sagt man im Grunde: Es gibt zwar keine Diagnose, aber ich weiß bereits, welche fehlt.

Früher nannte man das Vermutung.

Heute offenbar Zweitmeinung ohne Erstmeinung.

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