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Da sitzt Brunhilde vor dem Ringlicht und bevor ich überhaupt weiß, ob sie mir einen Aufräumtipp, ein Rezept

Da sitzt Brunhilde vor dem Ringlicht und bevor ich überhaupt weiß, ob sie mir einen Aufräumtipp, ein Rezept oder ihre Morgenroutine zeigen will, kenne ich schon ihre neurologische Visitenkarte. „Ich habe ADHS und deshalb …“ Ja, danke Brunhilde. Lass es dir doch gleich auf die Stirn tätowieren, dann sparen wir uns beim nächsten Reel die ersten vier Sekunden.

Und nein, bevor wieder jemand hektisch den Empörungsdefibrillator holt: Mir geht es nicht darum, Störungen lächerlich zu machen. Wer eine Diagnose hat, hat eine Diagnose. Wer darüber aufklären möchte, soll darüber sprechen. Mich irritiert diese inzwischen absurd häufige Verwendung solcher Kürzel als Content-Hook, besonders wenn die Diagnose offenbar aus der Abteilung „Ich habe zwölf Videos gesehen und erkenne mich wieder“ stammt.

Was mich dabei tatsächlich beschäftigt, sind Kinder und Jugendliche, die diesen Content jeden Tag konsumieren. Wenn dir ständig Erwachsene und Gleichaltrige begegnen, die nahezu jede Eigenheit mit einem Diagnosekürzel eröffnen, kann irgendwann ein ziemlich schräges Bild davon entstehen, was eigentlich noch normales Menschsein ist. Chaotisch, impulsiv, schüchtern, verträumt, überfordert oder sozial unbeholfen zu sein, gehört schließlich auch ohne medizinisches Etikett zum menschlichen Sortiment.

Und genau da wird es für mich interessant. Ein Jugendlicher sieht nicht ein einzelnes Video, sondern unter Umständen hundert Varianten derselben Botschaft: „Du machst X? Könnte ADHS sein.“ „Du fühlst Y? Vielleicht diese Störung.“ Irgendwann liegt die Frage nahe, ob man sich selbst überhaupt noch kennenlernen kann, bevor der Algorithmus schon mit dem Etikettiergerät um die Ecke kommt.

Vielleicht ist das alles gut gemeinte Aufklärung. Ein Teil davon ist es ganz sicher. Aber Aufklärung und Branding sehen verdammt ähnlich aus, wenn das Kürzel häufiger vorkommt als der eigene Name. Und bei jungen Menschen, die gerade erst herausfinden, wer sie überhaupt sind, halte ich diese Dauerbeschallung zumindest für etwas, über das man reden sollte.

Früher hieß ein Hook: „Drei Dinge, die mir helfen, mich besser zu organisieren.“ Heute heißt er: „Als Mensch mit ADHS mache ich diese drei Dinge anders.“ Vielleicht sind die Tipps identisch. Aber offenbar braucht inzwischen selbst das Einräumen der Spülmaschine eine diagnostische Ouvertüre.

Das ist eigentlich alles, was mir daran auffällt und mich zunehmend nervt. Wann wurde aus einer Diagnose ein Hook, aus einem Kürzel eine Marke und aus menschlichen Eigenheiten Material für das nächste Selbstdiagnose-Bingo? Vielleicht dürfen wir Kindern und Jugendlichen zwischendurch auch noch vermitteln, dass sie kompliziert, chaotisch, sensibel, laut, still oder komplett verwirrt sein dürfen, ohne sofort vier Buchstaben dafür finden zu müssen.

Denn nicht jeder Teil deiner Persönlichkeit braucht einen Diagnosecode.

Und Brunhilde, dein Kuchenrezept interessiert mich möglicherweise sogar. Du darfst einfach damit anfangen.

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