LifeArchitect.at Selbstführung beginnt, wo Selbstbetrug endet.

Glück ist ein ziemlich verwöhntes Arschloch

Es taucht auf, wenn gerade alles passt, und verschwindet zuverlässig wieder, sobald das Leben beschließt, Leben zu sein.

Wir haben trotzdem eine komplette Kultur darum gebaut, möglichst glücklich sein zu wollen. Der richtige Job soll glücklich machen, die richtige Beziehung soll glücklich machen, Reisen sollen glücklich machen, Selbstliebe soll glücklich machen und irgendein Smoothie mit Chiasamen vermutlich auch. Wenn du trotz dieses beeindruckenden Angebots nicht dauerhaft grinsend durch die Gegend läufst, muss offenbar dringend noch etwas optimiert werden. Vielleicht bist du einfach nur ein Mensch, aber das verkauft sich natürlich miserabel.

Glück ist nicht wertlos, ganz im Gegenteil. Ein gutes Essen, Sex, Sonne im Gesicht, ein Erfolg, ein Abend mit Menschen, bei denen man nicht nach zwei Stunden heimlich auf die Uhr schaut, all das darf verdammt schön sein. Nur ist Glück ein Zustand und keine belastbare Lebensarchitektur. Wer versucht, daraus einen Dauerzustand zu machen, führt irgendwann Krieg gegen jeden schlechten Tag.

Erfüllung ist etwas anderes, und genau da wird es interessanter. Du kannst einen verdammt anstrengenden Tag haben und trotzdem wissen, warum du morgens aufgestanden bist. Du kannst erschöpft sein und dein Leben trotzdem als sinnvoll erleben, genauso wie du einen ganzen Tag voller Vergnügen haben kannst und abends mit diesem seltsamen Gefühl im Bett liegen, dass davon irgendwie nichts hängen geblieben ist. Spaß und Sinn sind eben keine eineiigen Zwillinge.

Das verstehen wir häufig erst spät, weil unsere Konsumkultur Glück erheblich leichter verkaufen kann als Erfüllung. Glück gibt es portioniert: Kauf das, fahr dort hin, gönn dir jenes, upgrade dich, belohne dich, optimiere dich. Erfüllung ist marketingtechnisch lästig, weil sie häufig aus Dingen entsteht, die sich schlecht in den Warenkorb legen lassen: Verantwortung, Verbundenheit, Hingabe, Entwicklung, etwas schaffen, für etwas einstehen und gelegentlich auch etwas tun, obwohl man gerade überhaupt keinen Bock darauf hat.

Und jetzt kommt der Teil, bei dem sich gern verschiedene Lebensphilosophien gegenseitig die Augen auskratzen. Für manche Menschen entsteht Erfüllung stark durch Familie, Kinder, Enkel, Partnerschaft und Fürsorge. Für andere durch Arbeit, Kunst, Forschung, Unternehmertum, Freundschaft, gesellschaftliches Engagement, Spiritualität oder irgendeine Mischung daraus. Wer aus seinem persönlichen Lebensmodell ein Naturgesetz für alle Menschen bastelt, hat nicht Erfüllung verstanden, sondern lediglich seine Biografie zum Weltstandard erklärt.

Familie kann tief erfüllen. Familie kann dich allerdings auch derart wahnsinnig machen, dass du ernsthaft darüber nachdenkst, unter falschem Namen nach Südamerika auszuwandern. Karriere kann erfüllen oder ein goldener Käfig sein, Kinder können Lebenssinn bedeuten oder jemandem deutlich machen, dass Elternschaft nie der eigene Weg gewesen wäre. Es gibt keine kosmische Checkliste, auf der bei Lebensende ein Sachbearbeiter abhakt, ob du ordnungsgemäß erfüllt warst.

Die bessere Frage lautet deshalb nicht: „Was sollte mich erfüllen?“ Sie lautet: „Was bleibt für mich bedeutungsvoll, wenn gerade niemand applaudiert?“ Denn vieles, was wir für Lebensziele halten, funktioniert hauptsächlich über Rückmeldung. Status fühlt sich hervorragend an, solange ihn jemand bemerkt, Anerkennung berauscht, solange sie kommt, und sogar manche Form der Selbstverwirklichung ist bei genauer Betrachtung nur Fremdbestätigung mit besserem Branding.

Ein brauchbarer Test ist ziemlich simpel. Würdest du einen wesentlichen Teil dieses Lebens auch dann noch wollen, wenn du dafür keinen Applaus, keine Likes und keine neidischen Blicke bekommen würdest? Würdest du diese Beziehung pflegen, diese Arbeit machen, dieses Projekt verfolgen, diesen Menschen helfen oder diese Verantwortung tragen, wenn niemand davon beeindruckt wäre? Wenn die Antwort dauerhaft Nein lautet, jagst du vielleicht nicht Erfüllung, sondern Publikum.

Noch unangenehmer wird es, wenn wir Entscheidungen verteidigen, die uns längst nicht mehr guttun. Der Mensch ist erstaunlich schlecht darin, sich einzugestehen, dass er fünf oder zehn Jahre auf das falsche Pferd gesetzt hat. Also werden Entscheidungen nachträglich verteidigt, Geschichten umgeschrieben und Menschen gesucht, die bestätigen, dass alles genau richtig war. Lieber zwanzig weitere Jahre konsequent falsch abbiegen, als einmal zugeben, dass die Navi-Dame vielleicht doch einen Punkt hatte.

Das nennt man gern Überzeugung, manchmal ist es schlicht Selbstschutz. Denn wenn ich mir eingestehe, dass mein Job, meine Beziehung, mein Lebensentwurf oder meine Prioritäten mich nicht mehr tragen, folgt unmittelbar die wesentlich unangenehmere Frage: Was ändere ich jetzt? Solange ich mir erzähle, alles sei perfekt, muss ich nichts riskieren. Selbsttäuschung ist deshalb nicht bloß Dummheit, sie ist häufig eine ausgesprochen effiziente Methode, Entscheidungen zu vermeiden.

Und genau hier trennt sich für mich Erfüllung von diesem ganzen „Mach einfach, was dich glücklich macht“-Geschwurbel. Ein erfülltes Leben enthält Dinge, die dich zeitweise überhaupt nicht glücklich machen. Verantwortung nervt, Beziehungen fordern, Ziele verlangen Verzicht, Wachstum fühlt sich gelegentlich eher nach emotionaler Baustelle als nach Sonnenuntergang mit Dankbarkeitstagebuch an. Trotzdem kann darunter etwas liegen, das stabiler ist als gute Laune: das Gefühl, das eigene Leben nicht nur zu konsumieren, sondern tatsächlich zu führen.

Vielleicht ist Erfüllung deshalb weniger ein Gefühl als eine Übereinstimmung. Das, was du wichtig findest, und das, was du täglich tust, liegen nicht kilometerweit auseinander. Du behauptest nicht, Familie sei dir das Wichtigste, während sie dich nur noch von hinten über den Laptop erkennt, und du erzählst nicht von Freiheit, während du jede relevante Entscheidung aus Angst vor der Meinung anderer vermeidest. Erfüllung könnte ziemlich unspektakulär dort beginnen, wo deine Werte und dein Verhalten endlich miteinander bekannt gemacht werden.

Dafür brauchst du übrigens keine perfekte Berufung, keinen Seelenplan und keinen handgeschriebenen Brief vom Universum. Du brauchst zunächst nur genügend Ehrlichkeit, um zu erkennen, wo du dich gerade selbst bescheißt. Was jagst du, weil es dich wirklich nährt, und was jagst du, weil du gelernt hast, dass man es besitzen, erreichen oder vorzeigen sollte? Diese Unterscheidung löst nicht automatisch dein Leben, aber sie verhindert wenigstens, dass du zwanzig Jahre sehr effizient in die falsche Richtung marschierst.

Genau diese Sorte unbequemer Bestandsaufnahme steckt auch in meinem Buch „Reiß dich mal zusammen, du Lappen!“. Nicht als Aufforderung, dauernd härter zu funktionieren, sondern als Gegenmittel zu diesem erstaunlichen Talent, sich selbst hervorragende Geschichten darüber zu erzählen, warum man trotz besseren Wissens nichts verändert. Wenn du herausfinden willst, wo bei dir echte Gründe aufhören und gut gepflegte Selbstverarschung beginnt, findest du das Buch hier: https://lappen.lifearchitect.at.

Vielleicht musst du also nicht glücklicher werden. Vielleicht solltest du zuerst herausfinden, welches Leben du selbst an einem beschissenen Dienstag noch für deines halten möchtest. Denn Glück kommt und geht, Erfüllung garantiert dir keinen Dauergrinser, aber wenigstens wachst du irgendwann nicht in einem Leben auf, das hervorragend aussah und sich trotzdem nie nach deinem angefühlt hat.

#Glück #Erfüllung #Selbstführung #Selbstverantwortung #Selbstbetrug #Lebenssinn #Klarheit #Authentizität #Werte #Entscheidungen #Persönlichkeitsentwicklung #MentaleFreiheit #Selbstreflexion #Verantwortung #Beziehungen #Lebensgestaltung #Nachtwolf #LifeArchitect #Klartext #Lappen

LifeArchitect.at • Selbstführung beginnt, wo Selbstbetrug endet

Teile diesen Beitrag mit Freunden

Related Posts

Intellektualisierung

Intellektualisierung ist manchmal nichts anderes als Flucht mit beeindruckendem Wortschatz. Du kannst jedes Muster erklären, jede Prägung benennen und jeden

Read More