LifeArchitect.at Selbstführung beginnt, wo Selbstbetrug endet.

Ich kann nämlich durchaus höflich sein. Wirklich. Ich kann zuhören, nicken, mir meinen Teil denken und sogar

Ich kann nämlich durchaus höflich sein. Wirklich. Ich kann zuhören, nicken, mir meinen Teil denken und sogar ganze Gespräche überstehen, ohne jemanden verbal aus dem Fenster zu werfen. Das Problem ist nur, dass mein Gesicht offenbar einen eigenen Betriebsrat hat und keinerlei Interesse an meiner diplomatischen Strategie.

Du erzählst mir etwas vollkommen Absurdes und mein Mund sagt: „Interessant.“ Meine Augen sagen währenddessen ziemlich deutlich: „Was zur Hölle habe ich gerade gehört?“ Du erklärst mir zum fünften Mal, warum du absolut nichts für eine Situation kannst, an deren Entstehung du seit drei Jahren aktiv mitarbeitest, und ich sage höflich: „Verstehe.“ Meine linke Augenbraue beantragt währenddessen bereits offiziell deine Selbstverantwortung.

Besonders schwierig wird es bei Bullshit. Andere Menschen besitzen diese bewundernswerte Fähigkeit, auch bei komplettem Schwachsinn freundlich interessiert auszusehen, zu nicken und Dinge wie „spannende Perspektive“ zu sagen. Mein Gesicht hat dafür offenbar keine Softwarelizenz. Es übersetzt „spannende Perspektive“ zuverlässig in „Das meinst du jetzt nicht ernst.“

Natürlich könnte ich trainieren, meine Mimik besser zu kontrollieren. Vielleicht gibt es irgendwo einen Wochenendkurs namens „Emotionale Gesichtskontrolle für Fortgeschrittene“, inklusive Zertifikat und drei Atemübungen für akute Idiotie im sozialen Umfeld. Dort lernt man vermutlich, interessiert auszusehen, während einem jemand erklärt, dass Merkur rückläufig ist und deshalb leider wieder niemand Verantwortung übernehmen kann. Ich fürchte nur, dass mein Gesicht bereits beim Anmeldeformular kündigen würde.

Aber irgendwo zwischen völliger Selbstzensur und menschlichem Presslufthammer liegt tatsächlich etwas Sinnvolles. Nicht jeder Gedanke muss raus, nicht jede Meinung braucht Publikum und nicht jede Regung verdient sofort ein Mikrofon. Wer alles ungefiltert ausspricht und das anschließend „Authentizität“ nennt, ist nicht automatisch besonders echt. Vielleicht fehlt ihm einfach der interne Spamfilter.

Die andere Richtung ist allerdings genauso absurd. Wenn du dein Leben lang deine Mimik, Sprache, Haltung und Meinung so lange polierst, bis bloß niemand mehr irgendwo aneckt, bleibt irgendwann nur noch die Kundenservice-Version deiner Persönlichkeit übrig. Freundlich, zuverlässig und vollständig ungefährlich. Das ist sicher angenehm für alle anderen, nur weißt du irgendwann selbst nicht mehr, was du eigentlich wirklich denkst.

Genau da wird es interessanter als ein hochgezogener Mundwinkel. Wenn du „alles gut“ sagst, obwohl innerlich längst gar nichts mehr gut ist, wenn du lächelst, obwohl du eine Grenze ziehen willst, oder wenn du nickst, obwohl dein gesamtes Nervensystem gerade „Bullshit“ sendet, dann reden wir nicht mehr über Mimik. Dann reden wir über die Distanz zwischen dem, was du fühlst, dem, was du denkst, und dem, was du nach außen spielst. Und diese Distanz kann verdammt groß werden.

Authentizität bedeutet für mich deshalb nicht, jedem Menschen ungefragt meine ungefilterte Innenwelt über den Kopf zu schütten. Es bedeutet, überhaupt zu merken, wann ich mich selbst verbiege, um angenehm, passend oder konfliktfrei zu funktionieren. Es bedeutet, unterscheiden zu können, wann Höflichkeit sinnvoll ist und wann sie nur ein schicker Name für Selbstverrat geworden ist. Genau da beginnt die Arbeit.

Und falls du jetzt beim Lesen denkst, dass dir diese Baustelle verdächtig bekannt vorkommt, habe ich zufällig etwas dazu geschrieben. „Authentizität Ungefiltert“ beschäftigt sich mit der Frage, wer du eigentlich bist, wenn du aufhörst, ständig eine gesellschaftlich optimierte Version deiner selbst vorzuführen. Du findest es hier: https://ungefiltert-authentisch.lifearchitect.at/

Falls dein Problem weniger darin besteht, dass du dich versteckst, sondern eher darin, dass dein Kopf dir für jeden Stillstand eine beeindruckend kreative Erklärung liefert, dann ist „Reiß dich mal zusammen, du Lappen!“ vermutlich die passendere Baustelle. Das Buch kümmert sich um Ausreden, Selbstbetrug, Verantwortung und diese wunderbare Fähigkeit, sich selbst sehr intelligent zu erklären, warum man heute wieder nichts ändern muss. Du findest es hier: https://lappen.lifearchitect.at/

Mein Gesicht wird vermutlich weiterhin Dinge sagen, die ich noch gar nicht ausgesprochen habe. Ich sehe darin inzwischen keinen Defekt mehr, sondern eher eine verdammt schnelle Vorabversion dessen, was mein Kopf bereits verstanden hat. Man könnte es unhöflich nennen. Ich nenne es Beta-Version der Wahrheit.

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