LifeArchitect.at • Selbstführung beginnt, wo Selbstbetrug endet.

Kommt darauf an, ob du echte Freiheit meinst oder nur schlechte Frisuren, Nikotin in Innenräumen und die

Kommt darauf an, ob du echte Freiheit meinst oder nur schlechte Frisuren, Nikotin in Innenräumen und die romantische Erinnerung an eine Zeit, in der niemand dein Essen fotografiert hat, bevor es kalt wurde.

Die 90er waren nicht perfekt. Wer das behauptet, hat entweder sein Gedächtnis in Weichzeichner gebadet oder zu viel Zeit mit alten Musikvideos verbracht. Es gab genug Dummheit, genug Vorurteile, genug Gewalt, genug kaputte Familien, genug emotionale Analphabeten und genug Erwachsene, die „stell dich nicht so an“ für eine pädagogische Meisterleistung hielten. Also nein, die 90er waren kein goldenes Paradies mit Tamagotchi und besserer Menschheit.

Aber sie hatten etwas, das heute fast schon wie ein historisches Luxusgut wirkt: Abstand. Du warst nicht rund um die Uhr erreichbar. Wenn du nicht zu Hause warst, warst du nicht zu Hause, fertig, Ende, kein Drama, keine blauen Häkchen, kein „Warum antwortest du nicht?“, keine emotionale Sonderkommission wegen einer Nachricht, die acht Minuten ungelesen blieb. Menschen mussten damals tatsächlich mit ihren Gedanken allein sein, ohne sofort in ein Gerät zu kriechen und sich von 47 fremden Meinungen narkotisieren zu lassen.

Heute hat jeder Zugriff auf alles und ist trotzdem erstaunlich leer. Wir haben mehr Information als je zuvor, aber weniger Orientierung. Jeder kann alles googeln, aber kaum jemand kann noch etwas aushalten, ohne direkt eine Meinung, Diagnose oder Empörung dazu zu bestellen. Früher wusstest du weniger, aber du warst manchmal präsenter. Heute weißt du theoretisch alles und bist praktisch komplett überreizt wie ein Hamster im Serverraum.

Die 90er hatten auch dieses dreckige, analoge Gefühl von Leben. Man traf sich, weil man sich verabredet hatte, nicht weil ein Standort geteilt wurde. Man wartete, man suchte, man klingelte, man saß irgendwo herum und musste mit den Menschen klarkommen, die wirklich da waren. Heute sitzen fünf Leute an einem Tisch und jeder starrt auf ein Rechteck, als würde dort gleich Gott persönlich ein Update schicken. Gemeinschaft sieht inzwischen oft aus wie gemeinsame körperliche Anwesenheit bei maximaler geistiger Abwesenheit.

Natürlich war früher nicht alles tiefer. Viele haben einfach weniger geredet, weniger reflektiert und mehr verdrängt. Männer waren „stark“, was oft bedeutete, dass sie innerlich verrosteten und höchstens beim dritten Bier kurz emotional durch die Wand sickerten. Frauen mussten noch viel zu oft Dinge schlucken, die heute endlich benannt werden. Kinder hatten nicht automatisch mehr Freiheit, manchmal hatten sie nur weniger Schutz und Erwachsene, die ihre Überforderung als Erziehung tarnten.

Trotzdem hatte diese Zeit weniger Dauerinszenierung. Du konntest peinlich sein, ohne dass es als Clip für immer im digitalen Museum deiner Schande landete. Du konntest Fehler machen, ohne dass eine halbe Kommentarspalte deine Persönlichkeitsstruktur zerlegte. Heute lebt man nicht nur, man performt Leben, bewertet Leben, filtert Leben und vergleicht sich mit Menschen, die selbst nicht wissen, wer sie ohne Algorithmus wären. Das ist kein Fortschritt, das ist eine kollektive Nervensystem-Vergiftung mit WLAN.

Die 90er waren vielleicht nicht besser, aber sie waren einfacher zu überleben. Nicht leichter, nicht gerechter, nicht automatisch gesünder, aber weniger permanent. Wenn etwas vorbei war, war es öfter wirklich vorbei. Heute verfolgt dich alles, jede Nachricht, jeder Trend, jede Krise, jede Meinung, jeder Mensch mit zu viel Freizeit und zu wenig Selbstreflexion. Selbst Ruhe muss man sich heute aktiv zurückerobern, als wäre sie ein besetztes Gebiet.

Also waren die 90er besser? Nein, nicht im kitschigen Sinn. Aber sie hatten weniger künstlichen Lärm, weniger Dauervergleich und weniger digitale Überwachung des eigenen Selbstwerts. Heute haben wir mehr Möglichkeiten, mehr Wissen, mehr Freiheit in vielen Bereichen, aber offenbar auch mehr Menschen, die mit dieser Freiheit umgehen wie ein Kleinkind mit einem Flammenwerfer. Die 90er waren nicht besser. Sie waren nur weniger hysterisch vernetzt.

Am Ende vermissen viele nicht die 90er. Sie vermissen das Gefühl, nicht ständig verfügbar, messbar, beobachtet, bewertet und überfordert zu sein. Sie vermissen eine Zeit, in der Langeweile noch kein Defekt war und ein Leben nicht erst dann existierte, wenn es gepostet wurde. Vielleicht waren die 90er nicht besser. Vielleicht waren wir nur noch nicht so verdammt gut darin, uns selbst permanent beim Leben zu stören.

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