Mir ist da etwas extrem Wichtiges aufgefallen, über das viel zu schlampig geredet wird.
Dieses ewige „In einer Beziehung sind immer beide schuld“. Das stimmt – aber nur unter einer ganz bestimmten Voraussetzung. Nämlich dann, wenn es sich um eine gesunde Beziehung auf Augenhöhe handelt.
Sobald emotionaler, psychischer oder physischer Missbrauch ins Spiel kommt, hört diese Logik auf. Komplett. Dann gibt es keine zwei gleichwertigen Seiten mehr. Dann gibt es Opfer und Täter. Punkt. Und die Verantwortung liegt ganz klar bei der Person, die manipuliert, kontrolliert oder verletzt. Nicht bei beiden. Nicht fünfzig-fünfzig. Nicht „irgendwo dazwischen“.
Was viele dabei übersehen – und das ist entscheidend – ist, wie sehr diese falsche Gleichverteilung von Schuld den Betroffenen schadet. Wenn man einem Opfer ständig suggeriert, es müsse auch „seinen Anteil“ anschauen, nimmt man ihm genau das, was es zuerst braucht: Klarheit und Entlastung. Missbrauch ist kein Beziehungsproblem, das man gemeinsam lösen kann. Es ist ein Macht- und Gewaltproblem.
Und jetzt kommt der Teil, den ich persönlich kaum noch ertrage.
Besonders „geil“ finde ich ja diese Systeme – meist dezent spirituell angehaucht – die dann erklären, man habe sich das Ganze „genau so ausgesucht“. Dass diese Erfahrung eben notwendig gewesen sei. Dass man sich jetzt das „Karma dahinter“ ansehen müsse, um den eigenen Anteil daran zu erkennen.
WTF.
Da wird Gewalt metaphysisch umetikettiert. Verantwortung verschoben. Und das Opfer nicht nur belastet, sondern gleich noch moralisch verpflichtet, aus der eigenen Verletzung eine spirituelle Lektion zu machen. Frei nach dem Motto: Wenn du leidest, dann wird das schon seinen höheren Sinn haben. Du musst ihn nur finden.
Das ist keine Tiefe.
Das ist Täter-Entlastung mit Räucherstäbchen.
Diese Erzählungen tun so, als wäre Missbrauch ein neutrales Lernerlebnis. Als wäre Machtmissbrauch einfach ein Spiegel. Als wäre Gewalt eine Einladung zur Selbsterkenntnis. Und damit wird etwas völlig Entscheidendes verwischt: Dass jemand bewusst Grenzen überschritten hat. Dass jemand Verantwortung trägt. Und dass das nichts mit einer „Seelenvereinbarung“ oder einem karmischen Plan zu tun hat.
Diese Art von Denken nimmt Opfern den Boden unter den Füßen. Sie sorgt dafür, dass Menschen noch länger bleiben, noch mehr aushalten, noch tiefer bei sich selbst nach Schuld suchen. Und sie verhindert genau das, was notwendig wäre: Distanz, Schutz und ein klares Nein.
Erst wenn die betroffene Person wirklich aus dieser Dynamik draußen ist, macht Aufarbeitung Sinn. Nicht davor. Nicht mittendrin. Nicht während der Druck noch wirkt. Erst in Sicherheit. Erst mit Abstand.
Und dann kann man sich die richtigen Fragen stellen. Nicht aus Schuld, sondern aus Selbstschutz. Habe ich Warnsignale übersehen? Warum habe ich sie ignoriert? Was hat mich gehalten – Angst, Hoffnung, alte Muster? Und was kann ich heute tun, damit ich nicht wieder in so eine Situation gerate?
Aber all das kommt danach.
Vorher geht es nur um eines: zu erkennen, was es ist. Und sich selbst nicht länger für etwas verantwortlich zu machen, das man nicht verursacht hat. Diese Klarheit ist kein Detail. Sie kann der Unterschied sein zwischen Weiterleiden und Gehen. Zwischen Schuld und Selbstschutz. Und für viele ist sie schlicht überlebenswichtig.
Wolfgang +43 676 900 1845
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