Diese Idee, dass Eltern ihre Kinder auf keinen Fall „versauen“ dürfen.

Ich bin heute über diese Illustration gestolpert und sie hat sofort etwas in mir angestoßen. Weil sie ein Muster zeigt, das ich seit Jahren beobachte und das immer absurder wird, je länger man hinschaut.

Diese Idee, dass Eltern ihre Kinder auf keinen Fall „versauen“ dürfen. Nicht so, wie ihre Eltern sie angeblich versaut haben. Also wird analysiert, aufgearbeitet, reflektiert, seziert. Die eigene Vergangenheit rauf und runter, aus Angst, auch nur einen Funken davon weiterzugeben. Eigentlich gut gemeint. Aber irgendwann kippt es.

Und dann kommt man in bestimmte spirituelle Kreise, und dort wird es richtig schräg.

Ich kenne (leider) Aussagen wie:
„Liebst du deine Kinder nicht genug, weil du dich weigerst, dieses Thema aufzuarbeiten?“
Oder noch krasser:
„Wenn du das nicht aufarbeitest, dann wird deinen Kindern noch viel Schlimmeres widerfahren müssen.“
Gerne garniert mit diesem inflationären Begriff „Karma“ oder gleich „Generationskarma“, damit es schön endgültig klingt.

Plötzlich geht es nicht mehr um Einsicht oder Verantwortung, sondern um moralischen Druck. Wenn du nicht mitmachst, bist du nicht nur uneinsichtig, sondern gefährlich. Für dich. Für deine Kinder. Für die Zukunft deines gesamten Stammbaums.

Andere drehen es dann ins Heroische. „Du bist derjenige, der den ewigen Kreislauf durchbricht. Der Erste in deiner Linie, der dieses Trauma aufarbeitet. Und alle, die nach dir kommen, sind dann automatisch frei von dieser Lektion.“ Und da frage ich mich ehrlich: Haben wir an diesem Punkt die Logik komplett verabschiedet?

Du hast einmal auf die heiße Herdplatte gegriffen. Und wenn du das jetzt „richtig“ aufarbeitest, wissen in Zukunft selbst Neugeborene automatisch, dass man das nicht tut? Ernsthaft? Hallo Logik, wo bist du?

Mal ehrlich, jeder kennt doch jemanden, der angefangen hat, „an sich zu arbeiten“. Meist in genau solchen spirituellen oder persönlichkeitsentwickelnden Umfeldern. Und bei erstaunlich vielen passiert dann dasselbe. Sie kapseln sich ab. Das alte Umfeld passt nicht mehr. Familie und Freunde „gehen den Weg nicht mit“. Beziehungen zerbrechen, weil die anderen angeblich noch nicht so weit sind.

Ich habe das oft genug gesehen. Und genau darüber habe ich auch in meinem Buch Der Guru Effekt geschrieben.
https://dergurueffekt.lifearchitect.at/

Was als Selbstreflexion beginnt, endet nicht selten in Abgrenzung. Nicht aus Klarheit, sondern aus Überlegenheit. Nicht aus Freiheit, sondern aus einer neuen Identität, die nur funktioniert, solange man sich vom Rest der Welt distanziert.

Und dann stelle ich mir wieder diese unbequeme Frage: Wenn wir als Eltern wirklich glauben, dass wir so viel Scheiße erlebt haben, dass wir unseren Kindern möglichst alles davon ersparen müssen, was sagen wir damit eigentlich über uns selbst? Bedeutet das nicht im Kern, dass wir glauben, so wie wir geworden sind, seien wir ein Fehlprodukt? Ein Ergebnis, das man besser korrigiert oder verhindert hätte?

Das ist ein harter Gedanke.
Aber er drängt sich auf.

Denn jeder, der sich auch nur ein bisschen mit diesen Themen beschäftigt hat, weiß, wie Aufmerksamkeit wirkt. Dort, wo ich sie hinlege, davon bekomme ich mehr. Wenn ich permanent nach Wunden, Blockaden, Übertragungen und karmischen Altlasten suche, halte ich genau das lebendig. Nicht aus Bosheit, sondern weil Fokus Wirkung hat.

Diese permanente Selbstbeobachtung bleibt nicht bei mir. Sie schwappt in Beziehungen. In Familien. In den Alltag. Kinder spüren das. Sie lernen dann nicht unbedingt: Die Welt ist tragfähig. Sondern eher: Hier ist ständig etwas, das man kontrollieren, regulieren oder vermeiden muss.

Und nur damit das klar ist: Ich sage nicht, dass Traumata nicht real sind. Natürlich prägt Vergangenheit. Natürlich gibt es Erfahrungen, die nachwirken. Das stelle ich überhaupt nicht infrage.

Was ich infrage stelle, ist diese Idee, dass man sich selbst dauerhaft reparieren muss, um ein brauchbarer Mensch oder Elternteil zu sein. Dass Entwicklung bedeutet, sich vom eigenen Umfeld zu lösen. Dass Verantwortung automatisch heißt, immer tiefer zu graben, statt im Leben zu stehen.

Kinder brauchen keine perfekten Eltern. Sie brauchen authentische Eltern. Eltern, die auch mal Fehler machen dürfen und zeigen, wie man mit ihnen umgeht. Menschen, die nicht vermitteln, dass Leben etwas ist, das man erst absichern muss, bevor man es leben darf.

Vielleicht ist das neue „fucked up“ nicht mangelnde Fürsorge.
Vielleicht ist es zu viel davon.
Nicht zu wenig Bewusstsein, sondern ein Übermaß an Analyse.
Nicht zu wenig Liebe, sondern zu wenig Vertrauen.

Vertrauen darin, dass wir trotz allem, was wir erlebt haben, nicht kaputt sind.
Und dass unsere Kinder nicht daran zerbrechen, dass wir Menschen sind.

Illustration by https://facebook.com/TommySiegel

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